Andreas Eiynck
Zur Erinnerungskultur im Deutschen Kaiserreich (1871-1918), einem militaristisch organisierten Obrigkeitsstaat, gehörten Andenken an die Musterung, die Losung und die Dienstzeit der wehrpflichtigen jungen Männer. Hatten sie ihren zeitlich befristeten Militärdienst absolviert, dann wechselten sie in den Stand der Reservisten. Dieser Übergang, der für die meisten auch mit der Rückkehr aus den Kasernen und Garnisonsstädten in die Heimat verbunden war, wurde ausgiebig gefeiert, zunächst mit den Kameraden beim Militär und später mit den Freunden und Verwandten in der Heimat.
Die Rückschau auf die Zeit beim Militär dokumentierten die entlassenen Rekruten mit Andenken vielerlei Art. Die Bandbreite der Erinnerungsstücke reicht von den typischen Reservistenbildern über Ansichtskarten, Fotos und Dokumente bis zu Andenkenstücken aus Porzellan. Letztere waren besonders kostspielig. Bekannt sind neben den großen Reservisten-Bierkrügen und den kleinen Reservistenpfeifen mit einem Kopf aus Porzellan auch Feldflaschen sowie Tassen mit Untertassen, die vermutlich als Mitbringsel für die weiblichen Verwandten oder die Braut gedacht waren.
Man erkennt Reservistenporzellan auf den ersten Blick an den farbig aufgedruckten militärischen Szenen und Motiven. Diese wiederholten sich durch die Massenproduktion ständig. Eine Möglichkeit der Individualisierung boten von Hand aufgemalte Namensangaben, häufig ergänzt um die Angabe der Truppenteile sowie die Daten von Beginn und Ende der Dienstzeit. Auch Sinnsprüche und Widmungen konnten von den geschickten Händen der Porzellanmaler:innen hinzugefügt werden.
Auskunft über den Anlass der Anschaffung des Reservistenporzellans geben aufgemalte Sinnsprüche, die in gereimter Form häufig das Ende der Dienstzeit verkünden, etwa „Oh, wie wohl ist dem zu Muth der seine letzte Wache thut“ oder „Hier leg ich meine Waffen nieder und kehre froh nach Hause wieder“.
Manchmal geben die aufgemalten Schriftzüge darüber Auskunft, für wen das Reservistenandenken gedacht war, wenn etwa darauf steht: „Meiner lieben Schwester“. Offensichtlich ein Brautgeschenk war eine Tasse mit Untertasse, auf der es lautet: „Eisen, Stahl und Marmor bricht Aber unsere Liebe nicht. Andenken an m.[einen] Bräutigam Heinrich Rummeling bei der 8. Comp. Inft. Regt. Herw. V. Bittenfeld 1. Westf. Nr. 13 in Münster 1895 -1897“. Doch auch für sich selber brachte der Reservist Rummeling eine Andenkentasse aus Münster mit. Der Text auf der zugehörigen Untertasse lautet: „Froh erwache jeden Morgen So trink aus diese Tasse ohne Sorgen. Andenken an m.[eine] Dienstzeit bei der 8. Comp. Inft. Regt. Herwarth v. Bittenfeld 1. Westf. Nr. 13 in Münster 1895 – 1897“.
Auf der Rückseite der Krüge und der Pfeifenköpfe finden sich häufig in winziger Schrift aufgemalte Namenslisten ganzer Einheiten. So konnte man die Erinnerung an die Kameraden in schwarz auf weiß festhalten.
Hatten die Wehrpflichtigen vor ihrer Dienstzeit bereits einen Beruf erlernt, so wurden sie beim Militär nach ihrer Grundausbildung häufig in entsprechenden Einrichtungen eingesetzt, etwa als Bäcker oder Schlachter, Mechaniker oder Eisenbahner. Bauernsöhne kümmerten sich um die Pferde der Kavallerie oder taten selber Dienst als Reitersoldaten. Sie ließen sich auf ihre Porzellanandenken neben den militärischen Motiven dann gerne auch zugehörige Berufssymbole aufmalen.