Pfeifen, Krüge, Tassen - Militärandenken aus Porzellan

11.08.2026 Niklas Regenbrecht

Reservistentasse eines Militär-Eisenbahners.

Andreas Eiynck

Zur Erinnerungskultur im Deutschen Kaiserreich (1871-1918), einem militaristisch organisierten Obrigkeitsstaat, gehörten Andenken an die Musterung, die Losung und die Dienstzeit der wehrpflichtigen jungen Männer. Hatten sie ihren zeitlich befristeten Militärdienst absolviert, dann wechselten sie in den Stand der Reservisten. Dieser Übergang, der für die meisten auch mit der Rückkehr aus den Kasernen und Garnisonsstädten in die Heimat verbunden war, wurde ausgiebig gefeiert, zunächst mit den Kameraden beim Militär und später mit den Freunden und Verwandten in der Heimat.

Die Rückschau auf die Zeit beim Militär dokumentierten die entlassenen Rekruten mit Andenken vielerlei Art. Die Bandbreite der Erinnerungsstücke reicht von den typischen Reservistenbildern über Ansichtskarten, Fotos und Dokumente bis zu Andenkenstücken aus Porzellan. Letztere waren besonders kostspielig. Bekannt sind neben den großen Reservisten-Bierkrügen und den kleinen Reservistenpfeifen mit einem Kopf aus Porzellan auch Feldflaschen sowie Tassen mit Untertassen, die vermutlich als Mitbringsel für die weiblichen Verwandten oder die Braut gedacht waren.

Man erkennt Reservistenporzellan auf den ersten Blick an den farbig aufgedruckten militärischen Szenen und Motiven. Diese wiederholten sich durch die Massenproduktion ständig. Eine Möglichkeit der Individualisierung boten von Hand aufgemalte Namensangaben, häufig ergänzt um die Angabe der Truppenteile sowie die Daten von Beginn und Ende der Dienstzeit. Auch Sinnsprüche und Widmungen konnten von den geschickten Händen der Porzellanmaler:innen hinzugefügt werden.

Auskunft über den Anlass der Anschaffung des Reservistenporzellans geben aufgemalte Sinnsprüche, die in gereimter Form häufig das Ende der Dienstzeit verkünden, etwa „Oh, wie wohl ist dem zu Muth der seine letzte Wache thut“ oder „Hier leg ich meine Waffen nieder und kehre froh nach Hause wieder“.

Manchmal geben die aufgemalten Schriftzüge darüber Auskunft, für wen das Reservistenandenken gedacht war, wenn etwa darauf steht: „Meiner lieben Schwester“. Offensichtlich ein Brautgeschenk war eine Tasse mit Untertasse, auf der es lautet: „Eisen, Stahl und Marmor bricht Aber unsere Liebe nicht. Andenken an m.[einen] Bräutigam Heinrich Rummeling bei der 8. Comp. Inft. Regt. Herw. V. Bittenfeld 1. Westf. Nr. 13 in Münster 1895 -1897“. Doch auch für sich selber brachte der Reservist Rummeling eine Andenkentasse aus Münster mit. Der Text auf der zugehörigen Untertasse lautet: „Froh erwache jeden Morgen So trink aus diese Tasse ohne Sorgen. Andenken an m.[eine] Dienstzeit bei der 8. Comp. Inft. Regt. Herwarth v. Bittenfeld 1. Westf. Nr. 13 in Münster 1895 – 1897“.

Auf der Rückseite der Krüge und der Pfeifenköpfe finden sich häufig in winziger Schrift aufgemalte Namenslisten ganzer Einheiten. So konnte man die Erinnerung an die Kameraden in schwarz auf weiß festhalten.

Hatten die Wehrpflichtigen vor ihrer Dienstzeit bereits einen Beruf erlernt, so wurden sie beim Militär nach ihrer Grundausbildung häufig in entsprechenden Einrichtungen eingesetzt, etwa als Bäcker oder Schlachter, Mechaniker oder Eisenbahner. Bauernsöhne kümmerten sich um die Pferde der Kavallerie oder taten selber Dienst als Reitersoldaten. Sie ließen sich auf ihre Porzellanandenken neben den militärischen Motiven dann gerne auch zugehörige Berufssymbole aufmalen.

In den Haushalten wurden die leicht zerbrechlichen Reservistenandenken aus Porzellan wie Schätze gehütet. Die Pfeifen und Feldflaschen dienten häufig als Wandschmuck zur Umrahmung der Reservistenbilder. Krüge und Tassen wurden auf den oberen Regalen im Glasschrank ausgestellt – gut sichtbar, aber vor Zugriff geschützt.

In der Tradition des Reservistenporzellans entstand im Ersten Weltkrieg im Rahmen der Kriegspropaganda eine regelrechte Flut von Porzellanobjekten mit vaterländischen und militärischen Motiven – die deutsche Porzellanindustrie war von den Rohstoffblockaden während des Krieges kaum betroffen und konnte ungehindert weiterproduzieren.

Nach dem Kriegsende mit der deutschen Niederlage 1918 war Schluss mit der Propaganda auf Porzellan. Das Militär und damit auch die Anzahl der Rekruten mussten aufgrund des Vertrages von Versailles stark reduziert werden und das Reservistenporzellan galt nun als Relikt aus Kaisers Zeiten. In der NS-Zeit konnte die Porzellanindustrie diesen Markt nicht wieder erschließen und zum Bild einer modernen, technisch orientierten Wehrmacht passten die niedlichen Bilder vom Kasernenleben vergangener Zeiten auch nicht mehr so recht.

Seit den 1960er-Jahren sind Reservistenandenken ein beliebtes Sammelgebiet – nicht nur bei Militaristen. Die dekorativen Darstellungen vermitteln einen scheinbar harmlosen, ja fast idyllischen Eindruck des Soldatenlebens von einst und die aufgemalten Namen und Jahreszahlen suggerieren einen dokumentarischen Wert, der solche Stücke auch für militärhistorisch orientierte Sammler attraktiv macht.

 

Literatur:

Siegmund Schaich: Deutsche Reservisten-Bierkrüge: Zeitzeugen der Kaiserzeit von 1871 bis 1918. Waiblingen 2013.

Objektnachweis:

Die Abbildungen der Reservistenandenken stammen aus Privatbesitz im Münsterland und im Emsland. Ihr Standortnachweis ist über das Bildarchiv des Emslandmuseums Lingen und des Kreisheimatbundes Steinfurt möglich.

Kategorie: Aus anderen Sammlungen

Schlagworte: Andreas Eiynck · Kaiserzeit