Protest auf Vinyl: Wie klingt Widerstand gegen Atomenergie?

07.08.2026 Niklas Regenbrecht

Schallplatte „Bauer Maas. Lieder gegen Atomenergie“ (Archiv für Alltagskultur in Westfalen, Signatur: 34637, Schallplatte 21).

Clara Weiss

Die Schallplatte „Bauer Maas. Lieder gegen Atomenergie“ aus dem Tonarchiv der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen macht den Protest gegen das Atomkraftwerk im niederrheinischen Kalkar in den 1970er-Jahren hörbar und verbindet Musik mit politischem Widerstand.

Produktion der Platte

Von der Gestaltung des Covers bis hin zu den Tonaufnahmen ist die Schallplatte das Ergebnis des Engagements von Laien. Das sprechen die Produzent:innen Ute Badura und Birger Gesthuisen im Begleitheft zur Langspielplatte (LP) auch offen an. Sie erklären, während des Aufnahmeprozesses hätten sie die Ehrfurcht vor dem Spezialistentum verloren. Engagement und Gesinnung werden erklärtermaßen bei der Produktion aus dem Jahr 1977/78 stärker gewichtet als Professionalität. Dementsprechend versammelt die Platte neben bekannteren Musiker:innen und Gruppen auch eher unbekannte Bands. Alle haben auf eine Gage verzichtet und bekunden mit der Beteiligung an dem Projekt ihre Solidarität im Kampf gegen Atomkraft. Mit dem Erlös aus dem Verkauf sollen die Prozesskosten für Bauer Maas als Einzelkläger gegen den Bau des Atomkraftwerks in Kalkar gedeckt werden.

Die Geschichte von Bauer Maas

Auf der Schallplatte befinden sich insgesamt 11 Lieder. Eines davon ist das „Kalkar-Lied“ von Bruno und Klaus, in dem die Geschichte von Bauer Maas erzählt wird.

„In Hönnepel bei Kalkar, da wird zur Zeit gebaut,
es ist der Schnelle Brüter, der den Niederrhein versaut.“

Mit diesen Worten startet das Lied und beschreibt die Lage, in der sich Kalkar befindet. Anfang der 1970er-Jahre soll hier ein Atomkraftwerk gebaut werden. Dafür braucht es zunächst Land, das den Landwirt:innen und der Kirche gehört. Der Energieversorgungskonzern RWE versucht diese zum Verkauf zu bewegen. Da sowohl die Landwirt:innen als auch die Kirche das anfänglich verweigern, nutzt der Konzern die finanziellen Nöte einiger Bauern und Bäuerinnen und lockt sie mit hohen Preisen. Der Kirchenvorstand, zu dem Bauer Josef Maas gehört, verkauft zunächst nicht. Dies wird dem Gremium jedoch zum Verhängnis, da es kurzerhand vom Bischof abgesetzt wird, der auf das Angebot von RWE eingeht. Im Liedtext wird der Bischof als Stellvertreter der Kirche für sein Vorgehen scharf kritisiert:

„Der Gottessohn erhielt für diese Schweinerei viel Lohn:
für ein paar Hektar Kirchenland scheffelte er eine Million.“

Bauer Maas geht 1972 gerichtlich gegen den Bau des „Schnellen Brüters“ vor. Er prozessiert stellvertretend für alle Gegner:innen des Projekts und trägt zudem das alleinige Risiko der Prozesskosten.  

„uns aber interessieren der Fluß, der Wald, das Feld
Und unsere Gesundheit kauft uns keiner ab für Geld.“

Zunächst verliert Bauer Maas den Prozess, da das Gericht eine Beschädigung des Reaktorsystems selbst bei Erdbeben oder Flugzeugabsturz für nahezu ausgeschlossen hält. Maas geht jedoch in Berufung und prozessiert 13 Jahre lang, bis er 1985 aufgrund von körperlicher, finanzieller und psychischer Belastung seinen Hof verkaufen muss und wegzieht.
Letztendlich ist das Atomkraftwerk unter anderem wegen Maas‘ Engagement nicht ans Netz angeschlossen worden. Das offizielle Aus des Reaktors wird schließlich 1991 angeordnet. Heutzutage befindet sich ein Freizeitpark auf dem Gelände.

Die Anti-Atomkraft-Bewegung

Die Anti-Atom-Proteste können in den Kontext der Protestkultur(en) der 1970er-Jahre und der in dieser Zeit entstandenen Neuen sozialen Bewegungen eingeordnet werden. Auf den Beginn der Kernforschung 1955 in der BRD folgte – mit einiger zeitlicher Verzögerung – die Anti-AKW-Bewegung, die neben der Kritik an landschaftlichen Veränderungen auch die Gefahren der Radioaktivität benennt. Ende der 1970er-Jahre werden die Anti-Atom-Proteste zu einer Massenbewegung nicht nur in der BRD, sondern auch andernorts in Europa und in den USA. 1977 wird in Kalkar zu einer großen internationalen Demonstration gegen das Kernkraftwerk aufgerufen.

Der Anti-Atom-Protest brachte Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten zusammen und vereinte sie in ihrem sozialen und umweltpolitischen Engagement. Bei ihren Protesten standen nicht nur der Umweltschutz und die Gesundheitsgefährdung durch Atomenergie im Fokus, sondern auch zentrale Forderungen nach solidarischem Zusammenleben, Verbesserung der Lebensbedingungen und damit einhergehender Generationengerechtigkeit.

„Drum hört den Apotheker, der laut und deutlich spricht:
,Es gibt für vieles Medizin, für Strahlenschäden nicht.‘“

Die Schallplatte gewährt als kulturanthropologische Quelle Einblicke in die vielfältigen und zum Teil kreativen Formen, die gesellschaftspolitischer Widerstand und Protest annehmen kann. Zudem lassen sich aus der Entstehungsgeschichte sowie aus den Liedtexten der LP die verschiedenen Aushandlungsprozesse skizzieren, die Teil des Anti-Atomkraft-Protestes beziehungsweise der Protestkultur(en) dieser Zeit waren.

 

Weber, Regina (o. J.): Schallplatte „Bauer Maas – Lieder gegen Atomenergie“, [online] https://industriemuseum.lvr.de/de/sammlung/sammlung_entdecken/energie___antrieb/lieder_gegen_atomenergie/Schallplatte_Bauer_Maas_Lieder_gegen_Atomenergie.html [26.06.2026].

Hier und heute Reportage (1982): Demo Kalkar - Protest gegen den Schnellen Brüter, [online] https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/hier-und-heute-reportage/video-demo-kalkar---protest-gegen-den-schnellen-brueter-100.html [26.06.2026].

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Schlagwort: Clara Weiss