Clara Weiss
Die Schallplatte „Bauer Maas. Lieder gegen Atomenergie“ aus dem Tonarchiv der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen macht den Protest gegen das Atomkraftwerk im niederrheinischen Kalkar in den 1970er-Jahren hörbar und verbindet Musik mit politischem Widerstand.
Produktion der Platte
Von der Gestaltung des Covers bis hin zu den Tonaufnahmen ist die Schallplatte das Ergebnis des Engagements von Laien. Das sprechen die Produzent:innen Ute Badura und Birger Gesthuisen im Begleitheft zur Langspielplatte (LP) auch offen an. Sie erklären, während des Aufnahmeprozesses hätten sie die Ehrfurcht vor dem Spezialistentum verloren. Engagement und Gesinnung werden erklärtermaßen bei der Produktion aus dem Jahr 1977/78 stärker gewichtet als Professionalität. Dementsprechend versammelt die Platte neben bekannteren Musiker:innen und Gruppen auch eher unbekannte Bands. Alle haben auf eine Gage verzichtet und bekunden mit der Beteiligung an dem Projekt ihre Solidarität im Kampf gegen Atomkraft. Mit dem Erlös aus dem Verkauf sollen die Prozesskosten für Bauer Maas als Einzelkläger gegen den Bau des Atomkraftwerks in Kalkar gedeckt werden.
Die Geschichte von Bauer Maas
Auf der Schallplatte befinden sich insgesamt 11 Lieder. Eines davon ist das „Kalkar-Lied“ von Bruno und Klaus, in dem die Geschichte von Bauer Maas erzählt wird.
„In Hönnepel bei Kalkar, da wird zur Zeit gebaut,
es ist der Schnelle Brüter, der den Niederrhein versaut.“
Mit diesen Worten startet das Lied und beschreibt die Lage, in der sich Kalkar befindet. Anfang der 1970er-Jahre soll hier ein Atomkraftwerk gebaut werden. Dafür braucht es zunächst Land, das den Landwirt:innen und der Kirche gehört. Der Energieversorgungskonzern RWE versucht diese zum Verkauf zu bewegen. Da sowohl die Landwirt:innen als auch die Kirche das anfänglich verweigern, nutzt der Konzern die finanziellen Nöte einiger Bauern und Bäuerinnen und lockt sie mit hohen Preisen. Der Kirchenvorstand, zu dem Bauer Josef Maas gehört, verkauft zunächst nicht. Dies wird dem Gremium jedoch zum Verhängnis, da es kurzerhand vom Bischof abgesetzt wird, der auf das Angebot von RWE eingeht. Im Liedtext wird der Bischof als Stellvertreter der Kirche für sein Vorgehen scharf kritisiert:
„Der Gottessohn erhielt für diese Schweinerei viel Lohn:
für ein paar Hektar Kirchenland scheffelte er eine Million.“
Bauer Maas geht 1972 gerichtlich gegen den Bau des „Schnellen Brüters“ vor. Er prozessiert stellvertretend für alle Gegner:innen des Projekts und trägt zudem das alleinige Risiko der Prozesskosten.
„uns aber interessieren der Fluß, der Wald, das Feld
Und unsere Gesundheit kauft uns keiner ab für Geld.“
Zunächst verliert Bauer Maas den Prozess, da das Gericht eine Beschädigung des Reaktorsystems selbst bei Erdbeben oder Flugzeugabsturz für nahezu ausgeschlossen hält. Maas geht jedoch in Berufung und prozessiert 13 Jahre lang, bis er 1985 aufgrund von körperlicher, finanzieller und psychischer Belastung seinen Hof verkaufen muss und wegzieht.
Letztendlich ist das Atomkraftwerk unter anderem wegen Maas‘ Engagement nicht ans Netz angeschlossen worden. Das offizielle Aus des Reaktors wird schließlich 1991 angeordnet. Heutzutage befindet sich ein Freizeitpark auf dem Gelände.