„Rund um die Baumberge“ (Teil 1) – ein radsportlicher Gruß aus der Vergangenheit anlässlich des Sparkassen Münsterland Giro am 3. Oktober 2026

25.09.2026 Niklas Regenbrecht

Rund um die Baumberge führte seit 1925 unter anderem von Darup nach Nottuln, vermutlich auf jener Straße am Ortsausgang von Darup, die 1928 die erste Teerdecke von der Firma Helmus, Coesfeld, erhielt. Die wassergebundene Schotterdecke hatte eine Breite von 4,5 m. An der linken Seite ein Fußweg von 1 m, an der rechten Seite ein Sommerweg von 2,5 m (heute B 67). (Fotograf: Hugo Frieling, Nottuln-Darup, 1928, Archiv für Alltagskultur, Inventarnummer: 0000.78138). Aber bereits 1925 hieß es im Rennbericht des Münsterischen Anzeigers: „Von Darup aus geht die Fahrt mit dem Winde nun im Rücken auf der hervorragend guten Straße gen Nottuln.“

Timo Luks

Am 3. Oktober feiern Münster und das Münsterland traditionell den Radsport – mit dem Sparkassen Münsterland Giro, inzwischen zum 20. Mal. In diesem Jahr führt die Strecke (wie zuletzt 2024) auch durch die Baumberge. Von Borken kommend, wartet im Mittelteil des Profirennens eine mehrfach zu fahrende Schleife von Coesfeld über Rorup und Darup, bevor es über Billerbeck und Darfeld zum Zielort Münster geht. In der Theorie sollen die ruppigen kleinen Anstiege denjenigen Teams und Fahrern Gelegenheit für eine Vorentscheidung bieten, die sich bei einem Massensprint in Münster keine Chance ausrechnen. In der Praxis funktioniert das nicht immer.

Für Rennradler*innen aus dem Münsterland ist es keine Überraschung, dass es durch oder um die Baumberge gehen muss, wenn man die „Bergbeine“ testen möchte. Der Westerberg in den Baumbergen ist mit seinem Wahrzeichen, dem Longinusturm, und einer Höhe von 188,7 Metern die größte Erhebung des Münsterlands. Der rennradtaugliche Anstieg zieht sich über einen knappen Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von knapp acht Prozent. Der Daruper Berg wiederum, der in den 1920er Jahren gern als rasante Abfahrt eingebaut wurde, dient beim Sparkassen Münsterland Giro in diesem Jahr wie auch 2024 als Bergwertung: 900 Meter bei guten sechs Prozent Durchschnittssteigung. Das ist kein Hochgebirge, aber auch nicht flach. Die Baumberge waren bereits vor über hundert Jahren Schauplatz von Radrennen, damals allerdings für Amateure. Ausgehend von Münster etablierte sich ein Rundkurs, der rasch als klassische Strecke galt. Variationen und Elemente davon kehren in der Streckenführung des Sparkassen Münsterland Giro durchaus wieder. Rund um die Baumberge – das war in den 1920er und 1930er Jahren nicht nur eine lockere geografische Angabe, sondern der Name eines Radrennens mit gewissem Klang in Münster und im Münsterland.

Ein erster Anlauf fand 1920 statt. Die Lokalpresse berichtete im Mai über ein Rennen des Radsportclubs „Schwalbe 1895“ (Münster), das rund um die Baumberge führen sollte: „Die Strecke geht vom Scharfen Eck (Weseler Straße) über Mecklenbeck, Albachten, Bösensell, Tilbeck, Havixbeck, Gerdes Baumberge, Nottuln, Appelhülsen, Albachten, Mecklenbeck zurück zum Scharfen Eck, rund 45 Kilometer“ (Münsterischer Anzeiger, 6.5.1920). 23 gemeldete Fahrer, 20 tatsächliche Starter, starker Gegenwind (was auch sonst im Münsterland?), eine Siegerzeit von 1:36 Stunden. 1921 wurde das Rennen auf ähnlicher Strecke (mit einem zusätzlichen Schlenker über Billerbeck, Gerleve. Dülmen, Buldern) wiederholt. Dann war für ein paar Jahre die Luft raus. Bei „Gerdes“ handelte es sich um einen Gasthof. Die Lokalität dürfte hinlänglich bekannt gewesen sein, begegnete sie den Leserinnen und Lesern der Lokalpresse doch regelmäßig in Zusammenhang mit verschiedenen Versammlungen usw. So erschien beispielsweise im Münsterischen Anzeiger 1896 und 1897 (jeweils im Juni) eine Annonce, in der „Wohnungen zum Sommeraufenthalt od. auch fürs ganze Jahr für einzelne Personen oder ganze Familie“ angeboten wurden. Statt einer Adresse hieß es lediglich: „in der Nähe von Gerdes Baumbergen“.

1925 wurde das Rennen neu erfunden. Das war höchste Zeit, glaubt man dem Münsterischen Anzeiger vom 15.9., schließlich hätten „die Freunde des Straßenfahrens Grund, sich zurückgesetzt zu fühlen. Wenn Münster nicht ab und zu Wendepunkt einer Fahrt wäre, die in den Nachbargauen oder -bezirken beginnt und wieder endet, so würden sie nicht einmal einen kurzen Ausschnitt aus einem derartigen Rennen zu Gesicht bekommen.“ 1925 war es die Ortsgruppe des Deutschen Rad- und Motorfahrerverbands „Concordia“, die sich einem Baumbergerennen verschrieb. Das Rennen kam mit seiner zweimal zu fahrenden Runde (Münster – Havixbeck – Billerbeck – Darup – Nottuln – Appelhülsen – Albachten – Münster) auf eine Länge von 125 Kilometern. Den Gepflogenheiten damaliger Amateurrennen folgend hatten die Fahrer nach der ersten Runde in Münster eine viertelstündige Zwangspause einzulegen, und in Darup war in jeder Runde eine Kontrollkarte abzuwerfen. Alters- und Jugendfahrer, aber auch solche mit nicht (mehr) konkurrenzfähigen Draht- und Wulstreifen starteten mit einer mehrminütigen Vorgabe. Dem Sieger winkte „außer einem Kranz mit Schleife eine vollständige Rennmaschine, Marke ‚Mars‘, im Werte von 225 Mark.“ Diese Maschine und weitere Ehrenpreise („im Werte von 700 Mk.“) waren im Vorfeld in einem lokalen Fahrradgeschäft zu besichtigen.

In den Folgejahren gab es kleine Veränderungen. So wurde beispielsweise ab 1926 am Renntag zusätzlich ein separates Jugendrennen veranstaltet, auf gleicher Strecke, aber mit nur einer zu fahrenden Runde. Seit 1927 wurde auf der Strecke die Bezirksmeisterschaft des Deutschen Rad- und Motorradfahrerverbands „Concordia“ (Bezirk Münster) ausgefahren, oder das Rennen war Teil einer Serie, in der um die Straßenmeisterschaft von Münster gerungen wurde, letztmalig allem Anschein nach im Juni 1933. Zu einer Neuauflage von Rund um die Baumberge sollte es – dann unter gänzlich veränderten Rahmenbedingungen – im Jahr 1939 kommen. Dieser Geschichte werde ich in einem zweiten Teil nachgehen.

Der Lokalpresse galt das Rennen sofort bei seiner Neuauflage als voller Erfolg. Der Münsterische Anzeiger schrieb am 22. September 1925:

„Die Organisation war mustergültig: Am Start, in den Kontrollen und am Ziel herrschte Ordnung und Sicherheit; die Strecke […] war allenthalben durch Pfeile gekennzeichnet und alle Wegekreuzungen waren mit Posten gut besetzt. In einem vom Fabrikanten W. Wostmann gestellten und von ihm selbst gesteuerten Brennaborwagen begleiteten die Herren Ludwigs und Paulsen von der Rennleitung, Oberleutnant Steffen von der Schutzpolizei, die Gattin des Besitzers und unser Berichterstatter die vom schönsten Herbstwetter begünstigte Fahrt, die von Tausenden von Zuschauern mit Interesse verfolgt und deren Verlauf durch keinen Mißton getrübt wurde.“

In der Zeit vor Radio- oder TV-Übertragungen war das Publikum von Radrennen auf Presseberichte im Nachhinein angewiesen. An der Strecke war ein Straßenrennen nicht zu überblicken. Straßenrennen, so schreibt der niederländische Soziologe Benjo Maso, wurden anders als Rennen auf der Bahn „für Leser und nicht für Zuschauer organisiert“. Der Erfolg der Tour de France erklärt sich daraus, dass Henri Desgrange „nicht nur eine neue Rennformel“ entwickelt hatte, sondern auch „eine neue Form des Sportjournalismus“. Berichte über frühere Rennen „waren kurze Geschichten; die Reportagen über die Tour de France aber bildeten ein Feuilleton, welches die Redakteure mit allen klassischen Ingredienzien versahen, die zu einem solchen Genre dazugehören.“ (S. 38f.) Die Mitte der 1920er Jahre selbst bei kleinen Amateurrennen etablierte Praxis, dass Berichterstatter in einem Begleitfahrzeug saßen, bildete die Grundlage für die späteren Rennberichte. Bei Rund um die Baumberge war das, wie der zitierte Artikel zeigt, bereits bei der Erstaustragung 1925 der Fall und erst recht in den folgenden Jahren:

„Besonders hervorgehoben zu werden verdient, daß drei Kraftwagen zur Verfügung standen, von denen zwei für die Hauptprüfung und einer für das Jugendfahren verwendet wurden. In dem von Herrn W. Meurer in Münster gesteuerten, prächtigen Oberleitungswagen hatten die Herren Paulsen und Schneuing von der Rennleitung, Oberleutnant Köhler von der Schutzpolizei und unser Berichterstatter Platz genommen. Je ein weiterer Pressevertreter war in dem von Herrn Wittich, dem Vertreter der ‚Komet‘-Freilaufnaben-Werke, und Herrn Kracht, Münster, gestellten Wagen untergebracht.“ (Münsterischer Anzeiger, 15.9.1926)

Die Berichte zum Rennen zeichneten ein anschauliches Bild. Im Münsterischen Anzeiger erschienen lange, manchmal mehrteilige Artikel, die gekürzt von anderen Zeitungen übernommen wurden. Diese zeichneten einen recht typischen Rennverlauf. Demnach wurden die mit einigen Minuten Vorgabe startenden Jugend-, Alters- und Drahtreifenfahrer rasch von den Fahrern der A-Klasse eingeholt. In der Regel ging es in flottem Tempo aus Münster heraus. Die erste Runde diente zumeist dazu, die Gegner etwas zu testen. In den Rennberichten ist die Rede von verschiedenen Vorstößen und Angriffen. Wirkliche Entscheidungen fielen in der ersten Runde kaum, jedenfalls keine aus rein sportlichen Gründen. Die Berichte strotzten allerdings vor Hinweisen auf Reifenschäden und allerlei andere Defekte, Stürze usw.: 1926 „karambolierte“ beispielsweise ein Fahrer auf „der engen und winkligen Straße in Havixbeck […] mit einem Milchfuhrwerk, das an einem stillstehendem Wagen vorbeifährt. Er kommt selbst ohne Schaden davon, verbiegt aber sein Vorderrad derart, daß er aufgeben muß“ (Münsterischer Anzeiger, 15.9.1926). All das bot ordentlich Drama, denn natürlich konnte es jeden treffen.

In der zweiten Runde wurde es in der Regel ernst. Die Dramen entfalteten sich, und die „Giganten der Landstraße“ zeigten sich in jenem Heroismus, der ihnen seit den frühen Jahren des Radsports zugeschrieben wurde. Im Rennbericht vom 22. September 1925 schilderte der Münsterischer Anzeiger einen heroisch anmutenden Zweikampf.

„Von der Hauptgruppe waren es, wie erwartet, die Hannoveraner und Gütersloher Unionisten, die zu jeder Zeit den Ton angaben, bei allen Jagden das Kommando führten und schließlich die Entscheidung unter sich ausmachten. Der Hauptanteil an den Ehren des Tages gebührt dem kleinen Gudjons-Hannover und B. Linnenbrink-Gütersloh. Zwischen diesen beiden gab es, besonders im letzten Teile des Rennens, ein mörderisches Ringen um den Sieg. Jeder von ihnen erkannte in dem andern seinen stärksten Gegner und suchte daher alles aus sich herauszuholen, um ihn abzuschütteln. Während Gudjons sich dazu die starken Steigerungen der Berge zwischen Billerbeck und Darup ausersehen hatte, auf deren letztem und beschwerlichstem Teile er jedesmal mit Wucht in die Pedale trat, suchte Linnenbrink sein Heil in der mit beängstigender Schnelligkeit unternommenen Flucht auf dem schweren Gefälle des Daruper Berges und auf der dann folgenden ebenen Strecke, wo das Tempo mehrfach 45 Kilometer betrug. Aber keinem von beiden gelang es, seinen Rivalen abzuhängen, so daß das Rennen im Endspurt entschieden werden mußte. In ihm siegte schließlich Gudjons mit knapper Länge vor Linnenbrink, der wohl durch die fast ständige Führung in den unmittelbar vorausgegangenen Jagden stärker mitgenommen war, und zwei weiteren Längen vor dessen Landsmann Landgräber, der den gewaltigen Kampf bis zum Schlusse mit durchzuhalten vermocht hatte. Der Sieger erhielt einen großen Kranz mit Schleife in den münsterischen Farben und fuhr, von Herrn Ludwigs durch ein dreifaches All Heil! geehrt, unter brausendem Beifall die Reihen der zahlreich erschienenen Zuschauer ab.“

Wünschen wir mit Blick auf den anstehenden Sparkassen Münsterland Giro dem Renndirektor Fabian Wegmann, den Teams und Fahrern sowie uns Zuschauer*innen an der Strecke oder im Live-Stream ein ähnlich spannendes Rennen; und drücken wir wie jedes Jahr (wenn auch oft vergeblich) einer tapferen Spitzengruppe die Daumen – oder, so er denn dabei sein wird, Arnaud De Lie beim Sprint über Münsters Kopfsteinpflaster! Ganz gleich, wie der diesjährige Sparkassen Münsterland Giro ausgehen wird: Neben der Strecke, die in Teilen an Rund um die Baumberge erinnert, wird das Ziel in diesem Jahr ebenso wie vor hundert Jahren „von einer großen Menschenmasse belagert“ werden. „Außerordentlich groß war die Zahl der Zuschauer, die sich am Start und Ziel bei Lichterbeck ‚am scharfen Eck‘ versammelt hatten und dort je viermal der Abfahrt und der Ankunft der Fahrtteilnehmer beiwohnen konnten“ (Münsterischer Anzeiger, 17.9.1928).

 

Literatur:

Die zitierten Ankündigungen, Rennberichte usw. in der westfälischen Presse lassen sich dank des umfangreichen Digitalisierungsprojekts https://zeitpunkt.nrw/ recherchieren und nachlesen.

Maso, Benjo: Der Schweiß der Götter. Die Geschichte des Radsports, Bielefeld 2011.

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