Da ein großer Teil des Wissens über das Entstehen der Siedlung auf mündlichen Erzählungen beruht, hinterfragt Blankenheim abschließend noch immer vorherrschende Missverständnisse und Mythen. Etwa wurden für den Bau der Behelfsheime, die deshalb auch „Plattenhäuser“ hießen, anstatt ortsüblicher Baustoffe vorgefertigte Fertigelemente aus Beton verwendet. Die industrialisierte Systembauweise und kriegsbedingte Verwendung mangelhafter Baumaterialien führten zu baulichen Besonderheiten und wirkten sich nachteilig auf die Isolierung der Gebäude aus. Wie Narrative über die Jahre weiter transportiert wurden, macht daneben die Erzählung vom Einsatz von Kriegsgefangenen und weiblichen Häftlingen des benachbarten Außenlagers des KZ-Neuengamme deutlich: Blankenheim widerlegt nicht nur die These, dass die dort inhaftierten Frauen die Häuser vom Fundament bis zum Dach errichtet hätten, sondern weist mit dem Einsatz von Zwangsarbeiter:innen im Auftrag von Firmen auf ein in der Behelfsheimforschung lange Zeit untergeordnetes Thema hin. Hinterfragen lässt sich damit auch das von der damaligen Propaganda verbreitete Motiv, dass Behelfsheime üblicherweise von ausgebombten Bürger:innen in tapferer Eigenleistung errichtet worden seien. Tatsächlich konnte die Behelfsheimaktion den Bedarf in der Realität kaum decken: Reichsweit wurden zwischen Herbst 1943 und Sommer 1946 schätzungsweise etwa 300.000 Wohneinheiten errichtet.
Die Publikation reiht sich in eine in den letzten Jahren angewachsene Anzahl regionaler Studien zum Behelfsheimbau ein. Ähnlich wie die Arbeiten von Fred Kaspar zur Stadt Telgte im Großraum Münster und von Markus Rodenberg für Franken konzentriert sich die Arbeit Blankenheims auf den lokalen Baubestand und zeichnet die Geschichte der in ihrem Untersuchungsgebiet erbauten Behelfsheime nach.
Gewinnbringend könnte langfristig ein Vergleich mit weiteren Siedlungen dieser Art sein, um die Bedeutung der Falkenberg-Siedlung für die Geschichte Hamburgs in der NS-Zeit und darüber hinaus noch stärker hervorzuheben. Beispielsweise liegt für die Berliner Siedlungen Hermsdorf, Karlshorst und Müggelheim eine bemerkenswerte Website des Master-Studienprojektes „Auf Dauer provisorisch. Behelfsheimsiedlungen in Berlin“ der TU Berlin vor.
Der Entschluss des Freilichtmuseums am Kiekeberg, die Forschungsergebnisse Monika Blankenheims in einem grafisch und optisch ansprechenden Band der museumseigenen Schriftenreihe herauszugeben, wird der geleisteten Arbeit mehr als gerecht und macht die Studie hoffentlich einer breiten, interessierten Öffentlichkeit zugänglich.
Buchdaten
Monika Blankenheim: „1943 - 9 Personen - 40m². Geschichten, Menschen und Gebäude“, Schriften des Freilichtmuseums am Kiekeberg, Band Nr. 110, herausgegeben vom Förderverein des Freilichtmuseums am Kiekeberg, Rosengarten-Ehestorf, 2026. ISBN 978-3-935096-82-9
Literatur:
Fred Kaspar: Behelfsheime für Ausgebombte. Bewältigung des Alltäglichen im "Totalen Krieg"- Münsters Bürger ziehen aufs Land, Schriften der Stiftung Kleines Bürgerhaus, Bd. 1, Petersberg 2011.
Markus Rodenberg: „Gelebte Räume - Behelfsheime für Ausgebombte in Franken“, Schriften und Kataloge des Fränkischen Freilandmuseums des Bezirks Mittelfranken, Bd. 90, Bad Windsheim 2020.
Website: „Behelfsheime. Von kurzfristiger Massenproduktion und langlebigen Provisorien“, Entstanden im Rahmen des Master-Studienprojektes „Auf Dauer provisorisch. Behelfsheimsiedlungen in Berlin“ im Wintersemester 2021/2022. In: https://behelfsheime.wixsite.com/berlin, Stand: 24.07.2026.