Vom Behelfsheim zur dauerhaften Wohnstatt. Neuerscheinung beleuchtet die Geschichte der Falkenberg-Siedlung in Hamburg

22.09.2026 Niklas Regenbrecht

Das Buch „1943 - 9 Personen - 40m². Geschichten, Menschen und Gebäude“ beleuchtet die Entwicklung der Falkenberg-Siedlung. Foto: Emil Schoppmann.

Emil Schoppmann

Ab 1943 sollte durch das Deutsche Wohnungshilfswerk (DWH) mittels provisorischer Behelfsheime im gesamten Deutschen Reich neuer Wohnraum geschaffen werden, um den zunehmenden Zerstörungen durch die alliierten Luftangriffe auf deutsche Städte entgegenzuwirken. Während die als Anleitung vom DWH herausgegebenen Behelfsheimfibeln zum Hausbau in Selbstbauweise animieren sollten, mussten sich private Bauwillige in der Praxis oft selbst um geeignete Grundstücke und das nötige Baumaterial kümmern. Daneben nutzen nicht nur Städte und Kommunen, sondern auch Firmen das Programm, um mit ihren Mitteln die Wohnungsnot zu lindern und insbesondere am Rand größerer Städte Behelfsheimsiedlungen zu errichten. Nicht allein wegen ihrer Größe sticht die Falkenberg-Siedlung im Stadtteil Neugraben im Süden der Stadt Hamburg als ein bemerkenswertes Fallbeispiel heraus: Bereits 1938 auf dem Papier als nicht mehr realisierte Siedlung für Brückenbauarbeiter der Elbhochbrücke geplant, wurden hier von den zeitweilig anvisierten 3500 Häusern etwa 700 Behelfsbauten errichtet. Sie boten anfänglich ausgebombten und wohnungslos gewordenen Arbeiterfamilien aus der Rüstungsindustrie ein Dach über dem Kopf.

Über vier Jahre hat Monika Blankenheim die Geschichte der denkmalgeschützten Falkenberg-Siedlung erforscht und in ihrem Buch „1943 - 9 Personen - 40 m². Geschichten, Menschen und Gebäude“ festgehalten. Auslöser hierfür war zunächst die eigene Familiengeschichte: Da die Großeltern als Ausgebombte im Frühjahr 1944 mit fünf Kindern und einer Tante in eines der ihnen zugeteilten Behelfsheime zogen, verbrachte die Autorin als Kind viel Zeit in der Siedlung. Das Leben in den Häusern war beengt: Während der für bis zu fünf Personen vorgesehene Bautyp A ein offizielles Grundmaß von 5 × 6,25 m betrug, erhielten größere Familien ein Behelfsheim von etwa 40 m² Größe. Ein dazugehöriges, mindestens 200 m² großes Gartengrundstück diente der Selbstversorgung. Obwohl nur als temporäre Zweckbauten geplant, entwickelten sich die provisorischen Unterkünfte nach dem Krieg durch Um- und Ausbauten zu geräumigeren Einfamilienhäusern und prägten das Leben ihrer Bewohner über Generationen.

Monika Blankenheim sichtete für ihr Buch nicht nur ein umfangreiches Quellen- und Archivmaterial, sondern fragt darüber hinaus nach dem Leben in der Siedlung, den dort gebauten Häusern und ihren Bewohner:innen. Was die in einzelne Kapitel aufgeteilte Studie besonders wertvoll und lesenswert macht, sind neben privaten Fotografien und persönlichen Zitaten, die zahlreichen von der Autorin geführten Zeitzeugeninterviews. Auf diese Weise entsteht ein gleichsam dichtes, wie facettenreiches Bild vom Wachsen und Werden einer Kleinsiedlung, welches von den dürftigen baulichen Anfängen ohne Strom- und Wasseranschluss, über die wirtschaftlich schweren Jahre der Nachkriegszeit, der Etablierung eines regen Vereinslebens und der Gründung der „Siedlungsgemeinschaft Falkenberg“, bis in die Gegenwart reicht. Fallbeispiele einzelner Hausgeschichten ergänzen die Ausführungen zusätzlich.

Zahlreiche Zeitzeugeninterviews lassen das Buch zu einer besonderen sozialgeschichtlichen Studie werden. Foto: Emil Schoppmann.

Da ein großer Teil des Wissens über das Entstehen der Siedlung auf mündlichen Erzählungen beruht, hinterfragt Blankenheim abschließend noch immer vorherrschende Missverständnisse und Mythen. Etwa wurden für den Bau der Behelfsheime, die deshalb auch „Plattenhäuser“ hießen, anstatt ortsüblicher Baustoffe vorgefertigte Fertigelemente aus Beton verwendet. Die industrialisierte Systembauweise und kriegsbedingte Verwendung mangelhafter Baumaterialien führten zu baulichen Besonderheiten und wirkten sich nachteilig auf die Isolierung der Gebäude aus. Wie Narrative über die Jahre weiter transportiert wurden, macht daneben die Erzählung vom Einsatz von Kriegsgefangenen und weiblichen Häftlingen des benachbarten Außenlagers des KZ-Neuengamme deutlich: Blankenheim widerlegt nicht nur die These, dass die dort inhaftierten Frauen die Häuser vom Fundament bis zum Dach errichtet hätten, sondern weist mit dem Einsatz von Zwangsarbeiter:innen im Auftrag von Firmen auf ein in der Behelfsheimforschung lange Zeit untergeordnetes Thema hin. Hinterfragen lässt sich damit auch das von der damaligen Propaganda verbreitete Motiv, dass Behelfsheime üblicherweise von ausgebombten Bürger:innen in tapferer Eigenleistung errichtet worden seien. Tatsächlich konnte die Behelfsheimaktion den Bedarf in der Realität kaum decken: Reichsweit wurden zwischen Herbst 1943 und Sommer 1946 schätzungsweise etwa 300.000 Wohneinheiten errichtet.

Die Publikation reiht sich in eine in den letzten Jahren angewachsene Anzahl regionaler Studien zum Behelfsheimbau ein. Ähnlich wie die Arbeiten von Fred Kaspar zur Stadt Telgte im Großraum Münster und von Markus Rodenberg für Franken konzentriert sich die Arbeit Blankenheims auf den lokalen Baubestand und zeichnet die Geschichte der in ihrem Untersuchungsgebiet erbauten Behelfsheime nach.

Gewinnbringend könnte langfristig ein Vergleich mit weiteren Siedlungen dieser Art sein, um die Bedeutung der Falkenberg-Siedlung für die Geschichte Hamburgs in der NS-Zeit und darüber hinaus noch stärker hervorzuheben. Beispielsweise liegt für die Berliner Siedlungen Hermsdorf, Karlshorst und Müggelheim eine bemerkenswerte Website des Master-Studienprojektes „Auf Dauer provisorisch. Behelfsheimsiedlungen in Berlin“ der TU Berlin vor.

Der Entschluss des Freilichtmuseums am Kiekeberg, die Forschungsergebnisse Monika Blankenheims in einem grafisch und optisch ansprechenden Band der museumseigenen Schriftenreihe herauszugeben, wird der geleisteten Arbeit mehr als gerecht und macht die Studie hoffentlich einer breiten, interessierten Öffentlichkeit zugänglich.

 

Buchdaten

Monika Blankenheim: „1943 - 9 Personen - 40m². Geschichten, Menschen und Gebäude“, Schriften des Freilichtmuseums am Kiekeberg, Band Nr. 110, herausgegeben vom Förderverein des Freilichtmuseums am Kiekeberg, Rosengarten-Ehestorf, 2026. ISBN 978-3-935096-82-9

 

Literatur:

Fred Kaspar: Behelfsheime für Ausgebombte. Bewältigung des Alltäglichen im "Totalen Krieg"- Münsters Bürger ziehen aufs Land, Schriften der Stiftung Kleines Bürgerhaus, Bd. 1, Petersberg 2011.

Markus Rodenberg: „Gelebte Räume - Behelfsheime für Ausgebombte in Franken“, Schriften und Kataloge des Fränkischen Freilandmuseums des Bezirks Mittelfranken, Bd. 90, Bad Windsheim 2020.

Website: „Behelfsheime. Von kurzfristiger Massenproduktion und langlebigen Provisorien“, Entstanden im Rahmen des Master-Studienprojektes „Auf Dauer provisorisch. Behelfsheimsiedlungen in Berlin“ im Wintersemester 2021/2022. In: https://behelfsheime.wixsite.com/berlin, Stand: 24.07.2026.