„Von schön geformten Menschen in buntem Costüm“: Lebende Bilder

29.09.2026 Niklas Regenbrecht

Christiane Cantauw

Sorgfältig arrangierte Fotografien von Personengruppen gehörten im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zum unverzichtbaren Repertoire der Berufsfotograf:innen, galt es doch immer wieder einmal, mehrköpfige Familien, Freundesgruppen, die Belegschaft einer Firma oder die Mitglieder eines Vereins so abzulichten, dass die Auftraggeber:innen zufrieden waren.

1895/96 präsentierte die Freiwillige Feuerwehr Harsewinkel ihrem Publikum ein mit „Germania“ übertiteltes lebendes Bild. Ob die Darbietung wie im nah gelegenen Ennigerloh von dem Lied „Die Wacht am Rhein“ (Text: Max Schneckenburger, Melodie: Carl Wilhelm) begleitet wurde, ist unbekannt. Überliefert ist jedoch, dass Joseph Buchmann, Mitbegründer der Feuerwehr, in der weiblichen Hauptrolle zu sehen ist. (Foto: LWL-Medienzentrum, Inv. Nr. 15_870)

Obwohl arrangiert, hat die um 1895 entstandene Fotografie aus dem Atelier Jäger in Harsewinkel mit derlei Gruppenaufnahmen nichts zu tun. Sie zeigt fünf Personen. In der Mitte des Bildes steht eine sehr große weiblich anmutende Gestalt mit langen blonden Haaren, Haarreif, weißer Tunika und Brustpanzer; sie verkörpert die nationale Personifikation Deutschlands, die Germania. Mit dem rechten Arm reckt sie ein Schwert mit blumenumkränzter Klinge in die Bilddiagonale; in der linken Hand trägt sie ein Schild. Sie ist umgeben von vier soldatisch gekleideten bewaffneten Männern. Zwei von ihnen befinden sich seitlich hinter der Germania: Mit den preußischen Pickelhauben versehen, in Uniformröcken mit Koppeln, auf dem Rücken Tornister, darüber Zeltbahnen, die in der Regel eher hufeisenförmig um die Tornister angebracht waren, führen sie mit beiden Händen ihre Bajonette. Vor der Germania geht seitlich der Trommler, ein schmächtiger Mann mit der Kleinen Trommel vor dem Bauch, den Trommelstöcken in den Händen, gekleidet in helle Hose und den blauen Waffenrock mit von den Militärmusikern getragenen Schwalbennestern an den Schultern, die Pickelhaube auf dem Kopf. Alle vier Personen schauen nach links aus der Fotografie heraus. Vor der Germania auf dem Boden liegt ein Mann in der Felduniform der einfachen Soldaten, auf dem Kopf ein Tschako, vor sich militärisches Gerät wie eine Kanonenkugel, zwei Blankwaffen und eine Kleine Trommel.

Die Fotografie dokumentiert eine bis in die 1930er Jahre hinein äußerst beliebte Kunst- und Unterhaltungsform, die im 18. Jahrhundert als privates Gesellschaftsspiel der Oberschichten ihren Anfang genommen hatte. Die von lebenden Menschen dargestellten sogenannten Tableaux vivants oder lebende Bilder imitierten Kunstwerke – Gemälde, Skulpturen – oder interpretierten literarische Stoffe und präsentierten sie einem Publikum in unbewegten Szenen. Alle, die dabei mitmachten, waren kostümiert und nahmen für das lebende Bild vorgeschriebene, zuvor eingeübte Posen ein. Sinnfällige Accessoires, das Gesamtbild ergänzende Attrappen sowie der passende Rahmen konnten den Auftritt weiter ausschmücken. Letztlich kam es darauf an, dass die Darstellung dem künstlerischen Vorbild so nahe wie möglich kam.

Im vorgestellten Fall stammte das Vorbild wohl von dem Schweizer Maler Heinrich Jenny (1824–1891), der in den1860er/1870er Jahren in Berlin lebte und arbeitete. Seine Historienmalerei erfreute sich in Deutschland großer Bekanntheit. Szenen wie die Nachgestellte waren in der Deutschen Kaiserzeit sehr verbreitet, brachten sie doch mit dem entsprechenden nationalen Pathos die Einigkeit und Wehrhaftigkeit der noch jungen Nation zum Ausdruck, die man meinte im deutsch-französischen Krieg unter Beweis gestellt zu haben. In den lebenden Bildern, die auf Vereinsfesten und bei Wohltätigkeitsveranstaltungen zur Aufführung kamen, wurden solche patriotischen Szenen gern gezeigt. 

In der Tageszeitung „Die Glocke“ warb der Kriegerverein damit, dass zu dem lebenden Bild Germania das Lied „Es braust ein Ruf“ (d. i. die Anfangszeile von „Die Wacht am Rhein“) gespielt werde. (Anzeige in Die Glocke, 2.3.1895)

Tableaux vivants dienten der Unterhaltung eines breit gefächerten Publikums: In privaten Salons oder im Rahmen von Opern- und Theaterfesten versicherten sich die bildungskulturell Beflissenen über sie ihrer Kenntnisse der bildenden und der darstellenden Kunst, der Literatur und der Musik. Gleichzeitig warben Varietés, Schaustellertruppen und kleinbürgerliche Vereine mit der Aufführung von lebenden Bildern. Im münsterländischen Ennigerloh gehörten sie 1895 ebenso zur populären Unterhaltung wie 1900 bei der Pariser Weltausstellung oder 1884 beim Kaiserbesuch in Düsseldorf. 

Auch viele Varietés warben mit der Aufführung von lebenden Bildern. (Münsterischer Anzeiger, 18.11.1884)

Ob es sich bei solcherart Darstellungen um Kunst handelt, darüber ließe sich trefflich streiten, zeigten doch einige der Varietés und Schaustellertruppen vor allem viel nackte Haut und appellierten – wie das 1851 auf dem Münsterischen Domhof gastierende „Theatre Academique“ mit „berühmten Meisterwerken“, die „von schön geformten Menschen in buntem Costüm gestellt werden“ – vor allem an die Schaulust des Publikums. Andererseits wurden lebende Bilder auch von zeitgenössischen Künstlern kuratiert. So waren es 1884 der Lithograf und Maler Fritz Roeber (1851–1924) und der 15-jährige Bildhauerlehrling und spätere Professor August Bauer (1868–1961), die mit Arrangements von lebenden Bildern für die Kaisertage am Rhein betraut wurden. Bei diesen von zahlreicher nationaler und internationaler Prominenz begleiteten Besuchen Kaiser Wilhelms I. am Rhein veranstaltete die 1867 gegründete Düsseldorfer Künstlervereinigung „Malkasten“ im gleichnamigen Lokal am 6. September 1884 ein Festspiel mit Deklamationen und lebenden Bildern, zu denen Chorgesang erklang. In der Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ und in der Westfälischen Zeitung vom 22.9.1884 wurde die gesamte Veranstaltung – explizit auch die lebenden Bilder – in den höchsten Tönen gelobt.

Die Illustration aus der Gartenlaube zeigt eines der lebenden Bilder, die 1884 anlässlich der Kaisertage in Düsseldorf von der Künstlervereinigung „Malkasten“ aufgeführt wurden. (Die Gartenlaube, Illustriertes Familienblatt, Jg. 1877, S.697, Abb. XXV, Nr. 41)

Um dem Publikum die Freude an den vergänglichen Kunstreproduktionen zu erhalten, wurden davon Fotografien gefertigt und im Handel offeriert. Beispielsweise bot der Fotograf H. Welsing 1884 in seinem Atelier an der Bergstraße 4 in Münster Fotografien der „Dreizehnlinden-Aufführung“ des katholischen Studenten-Vereins ‚Germania‘ an. Im Westfälischen Volksblatt vom 12.8.1884 hieß es dazu: „Von den Theilnehmern des Festes wird wohl kaum einer sein, der nicht mit Freuden die Gelegenheit begrüßt, sich durch Ankauf dieser Bilder eine bleibende Erinnerung an jene herrliche Aufführung verschaffen zu können. Die Photographien sind sehr schön ausgeführt, und wie die lebenden Bilder selbst zeigen auch sie eine warme Auffassung der dargestellten Scenen.“ Die Tableaux vivants veranschaulichten Szenen aus dem Epos „Dreizehnlinden“ des westfälischen Dichters, Arztes und Politikers Friedrich Wilhelm Weber (1813–1894), dessen Erstauflage 1878 erschienen war und das 1884 in Westfalen als so bekannt vorausgesetzt werden konnte, dass das Publikum einzelne Szenen in den Gesamtzusammenhang des Poems einordnen konnte.  

Die Fotografien lebender Bilder stellten einen erneuten Medienwechsel dar, waren sie doch im Grunde das reproduzierbare Original einer Reproduktion. Dies war für die Käufer:innen aber gar nicht entscheidend, denn in jedem Fall erinnerten die Fotografien an einen unterhaltsamen Abend.

 

Literatur und Quellen:

Frey, Manuel: Tugendspiele. Zur Bedeutung der „Tableaux vivants“ in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. In: Historische Anthropologie, 6 (1998), H. 3, S. 401–435.

Jooss, Birgit: Tableaux und Attitüden als Inspirationsquelle inszenierter Fotografie im 19. Jahrhundert. In: Toni Stooss und Esther Ruelfs (Hrsg.): Rollenspiele – Rollenbilder. München 2011, S. 14–47.

Kohut, Adolph: Die Kaisertage in Düsseldorf. In: Die Gartenlaube, Heft 39 und 41(1877), S. 657–659, 697–699.

Wiegand, Daniel: Gebannte Bewegung. Tableux vivants und früher Film in der Kultur der Moderne. Marburg 2016.