Um dem Publikum die Freude an den vergänglichen Kunstreproduktionen zu erhalten, wurden davon Fotografien gefertigt und im Handel offeriert. Beispielsweise bot der Fotograf H. Welsing 1884 in seinem Atelier an der Bergstraße 4 in Münster Fotografien der „Dreizehnlinden-Aufführung“ des katholischen Studenten-Vereins ‚Germania‘ an. Im Westfälischen Volksblatt vom 12.8.1884 hieß es dazu: „Von den Theilnehmern des Festes wird wohl kaum einer sein, der nicht mit Freuden die Gelegenheit begrüßt, sich durch Ankauf dieser Bilder eine bleibende Erinnerung an jene herrliche Aufführung verschaffen zu können. Die Photographien sind sehr schön ausgeführt, und wie die lebenden Bilder selbst zeigen auch sie eine warme Auffassung der dargestellten Scenen.“ Die Tableaux vivants veranschaulichten Szenen aus dem Epos „Dreizehnlinden“ des westfälischen Dichters, Arztes und Politikers Friedrich Wilhelm Weber (1813–1894), dessen Erstauflage 1878 erschienen war und das 1884 in Westfalen als so bekannt vorausgesetzt werden konnte, dass das Publikum einzelne Szenen in den Gesamtzusammenhang des Poems einordnen konnte.
Die Fotografien lebender Bilder stellten einen erneuten Medienwechsel dar, waren sie doch im Grunde das reproduzierbare Original einer Reproduktion. Dies war für die Käufer:innen aber gar nicht entscheidend, denn in jedem Fall erinnerten die Fotografien an einen unterhaltsamen Abend.
Literatur und Quellen:
Frey, Manuel: Tugendspiele. Zur Bedeutung der „Tableaux vivants“ in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. In: Historische Anthropologie, 6 (1998), H. 3, S. 401–435.
Jooss, Birgit: Tableaux und Attitüden als Inspirationsquelle inszenierter Fotografie im 19. Jahrhundert. In: Toni Stooss und Esther Ruelfs (Hrsg.): Rollenspiele – Rollenbilder. München 2011, S. 14–47.
Kohut, Adolph: Die Kaisertage in Düsseldorf. In: Die Gartenlaube, Heft 39 und 41(1877), S. 657–659, 697–699.
Wiegand, Daniel: Gebannte Bewegung. Tableux vivants und früher Film in der Kultur der Moderne. Marburg 2016.