Timo Luks
Seit 1927 wurde Rund um die Baumberge als Bezirksmeisterschaft des 11. Bezirks (Münster) des Deutschen Rad- und Motorradfahrerverbands Concordia ausgetragen, in der Regel für unterschiedliche Leistungs- und Altersklassen. Die etablierte Runde Münster–Roxel–Havixbeck–Billerbeck–Darup–Nottuln–Appelhülsen–Albachten–Münster war je nach Klasse ein- oder zweimal zurückzulegen. In manchem Jahr war die Strecke Teil einer in mehreren Läufen ausgetragenen Münsterischen Stadtmeisterschaft. Der Baumberge-Rundkurs gehörte zu diesem Zeitpunkt zum festen Repertoire des radsportlichen Münsterlands. Das unter dem Titel Rund um die Baumberge ausgetragene konkrete Rennen zeigte allerdings bereits gewisse Ermüdungserscheinungen. In den Jahren 1932 bis 1934 war es auf das Format einer Vereinsmeisterschaft des Postsportvereins Münster bzw. eines Jugendrennens geschrumpft.
Der Radsportstolz Münsters nahm Mitte der 1930er Jahre eine nostalgische Wende. Anlässlich des Vereinsjubiläums des Radsportclubs Schwalbe 1895 schrieb der Münsterische Anzeiger am 7. Mai 1935, dass „die Provinzhauptstadt“ nur noch selten „eine große Veranstaltung mit Start und Ziel in ihren Mauern“ sehe. Zwar existierten verschiedene Meisterschaften („wovon ‚Rund um die Baumberge‘ die bekannteste“ sei), größere Rennen jedoch nicht mehr. Es handelte sich insgesamt um eine radsportlich herausfordernde Phase. Dieter Vaupel zeigt in seiner Geschichte des Radsports während der Zeit des Nationalsozialismus, dass der reichsweite Bedeutungsverlust des Straßenradsports bereits Ende der 1920er Jahre eingesetzt und sich in den frühen 1930er Jahren noch einmal beschleunigt hatte. „Profiradrennen fanden 1933 in Deutschland überhaupt nicht statt. Allerdings verstanden es die Nationalsozialisten noch im selben Jahr, den Amateurradsport wieder zu beleben und für ihre Zwecke einzusetzen.“ (S. 49) Bei verschiedenen Rennen übernahm beispielsweise die SA die Streckensicherung und Motorradbegleitung oder SA und SS veranstalteten eigene Verbandsrennen. Diese waren dann aber stärker im Kontext des Wehrsports verankert. Allerdings feierte auch der Profiradsport rasch ein Comeback, etwa mit der 1937 nach sechsjähriger Pause in neuem Format wieder aufgelegten Deutschlandrundfahrt.
Mitte der 1930er Jahre geriet Rund um die Baumberge aus dem Blick, um dann aber alsbald wiederentdeckt zu werden. In der Ausgabe vom 28. März 1938 nutzte der Münsterische Anzeiger den Bericht zum Rennen Bochum–Münster–Bochum, um gegenüber der „münsterischen Radsportgemeinschaft“ anzuregen, „ob es nicht möglich ist, die alte Zuverlässigkeitsfahrt ‚Rund um die Baumberge‘ wieder ins Leben zu rufen. Den vielen Radsportfreunden im Münsterland würde man damit gewiß eine große Freude bereiten.“ Ende Oktober wurde für das Frühjahr tatsächlich die Wiederauflage des Rennens angekündigt. Angedacht war ein „reichsoffenes“ Rennen. Der Radsportverband genehmigte allerdings lediglich ein „gauoffenes“ Rennen. Im radsportlichen Münster kam das nicht gut an:
„Es wäre zu bedauern, wenn darum die Austragung in Zweifel gezogen werden könnte. Letzten Endes hat das radsportfreudige Münsterland ein gleiches Recht auf die Durchführung eines reichsoffenen Rennens wie andere Städte, zumal die Finanzierung gesichert ist. Mögen sich die Instanzen ihren Entschluß wohl überlegen und mögen sie den berechtigten Interessen des RV Münster und der gesamten münsterländischen Radsportwelt stattgeben.“ (Münsterischer Anzeiger, 12.12.1938)
Das Rennen selbst war, so die Lokalpresse, ein voller Erfolg („nur durch ein glänzendes Sportfest der Wehrmacht an Darbietung und Zuschauerzahl überboten“). Das Rennen fand unterwegs „besonders an den Kurven und an den Ein- und Ausgängen der Dörfer stärkstes Interesse zahlreicher Zuschauer“ (Münstersche Zeitung, 30.5.1939). Der Münsterische Anzeiger schrieb von der „Wiedergeburt“ eines Rennens und der Aussicht auf jährliche Wiederholung. Das „Neuaufleben der Baumbergerennen“ nahm die Zeitung zum Anlass, um in einer Artikelserie „einiges aus der Geschichte“ zu erzählen. „Wir blättern in vergilbten Zeitungsbänden und Chroniken, um über die bisherigen Rennen unseren radsportfreudigen Lesern manches Interessante ins Gedächtnis zurückzurufen“ (Münsterischer Anzeiger, 23.6.1939). Man erinnerte daran, dass im Jahr der Erstaustragung (1925) kaum Straßenrennen mit Start und/oder Ziel in Münster existierten. Erst Rund um die Baumberge habe das geändert. „Erfreulich zahlreich“, so blickte die Zeitung zurück, „waren die Meldungen eingegangen, und bis auf einige Ausnahmen waren sämtliche gemeldeten Kämpen der Landstraße aus Hannover, Gütersloh, Ahlen, Hamm, Lünen, Hagen, Hamborn, Schwelm, Krefeld, Emsdetten, Sprakel, Senden, Wolbeck und Münster bei der Wirtschaft Standhaft, Weseler Straße, am Start.“ Die Erinnerung an Rennverlauf und Ergebnis der Erstaustragung war zwar nicht ganz so detailreich wie der ursprüngliche Bericht des Jahres 1925 (siehe dazu auch: https://www.alltagskultur.lwl.org/de/blog/rund-um-die-baumberge-teil-1/), behielt aber den heroisch-martialischen Tonfall bei, der in der Radsportberichterstattung etabliert und Ende der 1930er Jahre eher noch martialischer geworden war. Rückblickstimmung hatte 1939 auch den Westfälischen Kurier erfasst, der am 8. Juli davon schrieb, dass das Straßenrennen für Amateure Rund um die Baumberge, nach der Erstaustragung schnell zur Tradition geworden war. „Doch schon nach dreimaliger Durchführung brachten finanzielle und andere Gründe das Münsterland um sein schönstes radsportliches Ereignis.“
Das Rennen des Jahres 1939 selbst galt als großer Erfolg. 225 Teilnehmer gingen in sechs Klassen an den Start. Unter anderem wurden Rennen für zwei Jugendklassen veranstaltet, deren Ergebnis ostwestfälischen Beifall fand.