„Rund um die Baumberge“ (Teil 2) – ein Radrennen in den 1930er Jahren zwischen Nostalgie und Hitlerjugend

27.10.2026 Niklas Regenbrecht

Timo Luks

Seit 1927 wurde Rund um die Baumberge als Bezirksmeisterschaft des 11. Bezirks (Münster) des Deutschen Rad- und Motorradfahrerverbands Concordia ausgetragen, in der Regel für unterschiedliche Leistungs- und Altersklassen. Die etablierte Runde Münster–Roxel–Havixbeck–Billerbeck–Darup–Nottuln–Appelhülsen–Albachten–Münster war je nach Klasse ein- oder zweimal zurückzulegen. In manchem Jahr war die Strecke Teil einer in mehreren Läufen ausgetragenen Münsterischen Stadtmeisterschaft. Der Baumberge-Rundkurs gehörte zu diesem Zeitpunkt zum festen Repertoire des radsportlichen Münsterlands. Das unter dem Titel Rund um die Baumberge ausgetragene konkrete Rennen zeigte allerdings bereits gewisse Ermüdungserscheinungen. In den Jahren 1932 bis 1934 war es auf das Format einer Vereinsmeisterschaft des Postsportvereins Münster bzw. eines Jugendrennens geschrumpft.

Der Radsportstolz Münsters nahm Mitte der 1930er Jahre eine nostalgische Wende. Anlässlich des Vereinsjubiläums des Radsportclubs Schwalbe 1895 schrieb der Münsterische Anzeiger am 7. Mai 1935, dass „die Provinzhauptstadt“ nur noch selten „eine große Veranstaltung mit Start und Ziel in ihren Mauern“ sehe. Zwar existierten verschiedene Meisterschaften („wovon ‚Rund um die Baumberge‘ die bekannteste“ sei), größere Rennen jedoch nicht mehr. Es handelte sich insgesamt um eine radsportlich herausfordernde Phase. Dieter Vaupel zeigt in seiner Geschichte des Radsports während der Zeit des Nationalsozialismus, dass der reichsweite Bedeutungsverlust des Straßenradsports bereits Ende der 1920er Jahre eingesetzt und sich in den frühen 1930er Jahren noch einmal beschleunigt hatte. „Profiradrennen fanden 1933 in Deutschland überhaupt nicht statt. Allerdings verstanden es die Nationalsozialisten noch im selben Jahr, den Amateurradsport wieder zu beleben und für ihre Zwecke einzusetzen.“ (S. 49) Bei verschiedenen Rennen übernahm beispielsweise die SA die Streckensicherung und Motorradbegleitung oder SA und SS veranstalteten eigene Verbandsrennen. Diese waren dann aber stärker im Kontext des Wehrsports verankert. Allerdings feierte auch der Profiradsport rasch ein Comeback, etwa mit der 1937 nach sechsjähriger Pause in neuem Format wieder aufgelegten Deutschlandrundfahrt.

Mitte der 1930er Jahre geriet Rund um die Baumberge aus dem Blick, um dann aber alsbald wiederentdeckt zu werden. In der Ausgabe vom 28. März 1938 nutzte der Münsterische Anzeiger den Bericht zum Rennen Bochum–Münster–Bochum, um gegenüber der „münsterischen Radsportgemeinschaft“ anzuregen, „ob es nicht möglich ist, die alte Zuverlässigkeitsfahrt ‚Rund um die Baumberge‘ wieder ins Leben zu rufen. Den vielen Radsportfreunden im Münsterland würde man damit gewiß eine große Freude bereiten.“ Ende Oktober wurde für das Frühjahr tatsächlich die Wiederauflage des Rennens angekündigt. Angedacht war ein „reichsoffenes“ Rennen. Der Radsportverband genehmigte allerdings lediglich ein „gauoffenes“ Rennen. Im radsportlichen Münster kam das nicht gut an:

„Es wäre zu bedauern, wenn darum die Austragung in Zweifel gezogen werden könnte. Letzten Endes hat das radsportfreudige Münsterland ein gleiches Recht auf die Durchführung eines reichsoffenen Rennens wie andere Städte, zumal die Finanzierung gesichert ist. Mögen sich die Instanzen ihren Entschluß wohl überlegen und mögen sie den berechtigten Interessen des RV Münster und der gesamten münsterländischen Radsportwelt stattgeben.“ (Münsterischer Anzeiger, 12.12.1938)

Das Rennen selbst war, so die Lokalpresse, ein voller Erfolg („nur durch ein glänzendes Sportfest der Wehrmacht an Darbietung und Zuschauerzahl überboten“). Das Rennen fand unterwegs „besonders an den Kurven und an den Ein- und Ausgängen der Dörfer stärkstes Interesse zahlreicher Zuschauer“ (Münstersche Zeitung, 30.5.1939). Der Münsterische Anzeiger schrieb von der „Wiedergeburt“ eines Rennens und der Aussicht auf jährliche Wiederholung. Das „Neuaufleben der Baumbergerennen“ nahm die Zeitung zum Anlass, um in einer Artikelserie „einiges aus der Geschichte“ zu erzählen. „Wir blättern in vergilbten Zeitungsbänden und Chroniken, um über die bisherigen Rennen unseren radsportfreudigen Lesern manches Interessante ins Gedächtnis zurückzurufen“ (Münsterischer Anzeiger, 23.6.1939). Man erinnerte daran, dass im Jahr der Erstaustragung (1925) kaum Straßenrennen mit Start und/oder Ziel in Münster existierten. Erst Rund um die Baumberge habe das geändert. „Erfreulich zahlreich“, so blickte die Zeitung zurück, „waren die Meldungen eingegangen, und bis auf einige Ausnahmen waren sämtliche gemeldeten Kämpen der Landstraße aus Hannover, Gütersloh, Ahlen, Hamm, Lünen, Hagen, Hamborn, Schwelm, Krefeld, Emsdetten, Sprakel, Senden, Wolbeck und Münster bei der Wirtschaft Standhaft, Weseler Straße, am Start.“ Die Erinnerung an Rennverlauf und Ergebnis der Erstaustragung war zwar nicht ganz so detailreich wie der ursprüngliche Bericht des Jahres 1925 (siehe dazu auch: https://www.alltagskultur.lwl.org/de/blog/rund-um-die-baumberge-teil-1/), behielt aber den heroisch-martialischen Tonfall bei, der in der Radsportberichterstattung etabliert und Ende der 1930er Jahre eher noch martialischer geworden war. Rückblickstimmung hatte 1939 auch den Westfälischen Kurier erfasst, der am 8. Juli davon schrieb, dass das Straßenrennen für Amateure Rund um die Baumberge, nach der Erstaustragung schnell zur Tradition geworden war. „Doch schon nach dreimaliger Durchführung brachten finanzielle und andere Gründe das Münsterland um sein schönstes radsportliches Ereignis.“

Das Rennen des Jahres 1939 selbst galt als großer Erfolg. 225 Teilnehmer gingen in sechs Klassen an den Start. Unter anderem wurden Rennen für zwei Jugendklassen veranstaltet, deren Ergebnis ostwestfälischen Beifall fand.

HJ-Treffen, Fotograf: Adolf Risse, 1936 bis 1938, Nottuln, Archiv für Alltagskultur, Inventarnummer: 1999.00652

„Den Vogel schossen jedoch die Bielefelder Hitlerjungen ab. Über 100 Jungen gingen in der Klasse der 16–18jährigen an den Start. […] [Dabei] gelang es den Bielefelder Jungen, drei Plätze unter den ersten fünf Fahrern der hundert Gestarteten einzunehmen, womit das Können des heimischen Nachwuchses einmal mehr sehr auffällig unter Beweis gestellt wurde“ (Westfälische neueste Nachrichten,10.7.1939).

Auch 1940 war Rund um die Baumberge Teil des Radsportkalenders. Jedenfalls wurde das Rennen Anfang des Jahres angekündigt, aber es ist mit Blick auf die unklaren Pressemitteilungen im Frühjahr und Sommer des Jahres nicht so recht ersichtlich, ob und in welcher Form das Rennen stattfand. Es scheint so, als habe das geplante und vom Verband auch genehmigte Rennen abgesagt werden müssen. Stattdessen fand Rund um Münsters Altstadt statt, ein Rennen „um die historischen Wälle der Promenade“.

„Obwohl die Besten unserer Amateure unter den Waffen stehen, ist es dennoch nicht verwunderlich, daß Münsters Rundstreckenrennen eine Besetzung gefunden hat, die alle Erwartungen übertrifft und nicht hinter der Besetzung des vorjährigen Rennens ‚Rund um die Baumberge‘ zurücksteht. Die noch in der Heimat verbliebenen und vor allem unsere jugendlichen Fahrer haben sich zu einer Form ausgeschwungen, die über jedes Lob erhaben ist. […] Ein in vielen Radsportschlachten erfahrener Kampfrichterstab wird für die reibungslose Durchführung der einzelnen Rennen Sorge tragen. Aber auch die vielen Radsportfreunde Münsters, die sicherlich zu Tausenden die Wälle der Promenade bevölkern werden, können und werden auch ihrerseits zum reibungslosen Verlauf des Rennens beitragen. Dazu gehört, daß vor allem die Rennstrecke sowie die Ausfallstraßen der Stadt frei bleiben, um unnötige Stürze zu vermeiden. […] Start und Ziel ist die Freiherr-vom-Stein-Schule in der Hörster Promenade.“ (Münstersche Zeitung, 22.6.1940)

Im Sommer 1941 wurde Rund um die Baumberge erneut als Jugendrennen, konkret: als „Gebietsmeisterschaft der Hitler-Jugend“, ausgetragen. Die ältere Jugend (16–18 Jahre) hatte einen Rundkurs über 85 Kilometer Länge zu bewältigen, die jüngere Altersklasse (14–16 Jahre) einen Teil der Strecke (40 Kilometer). „Jugendlicher Ehrgeiz und sportliches Können führten in beiden Rennen zu guten Leistungen, die sich in Vorstößen und damit verbundenen packenden Kämpfen auswirkten. […] Die drei Erstplacierten der beiden Klassen nehmen an dem Reichsentscheid teil, der in wenigen Wochen in Breslau zur Austragung gelangt“ (Bochumer Anzeiger, 25.6.1941).

Dass kleinen und mittleren Amateursportveranstaltungen mit Kriegsbeginn die männlichen Teilnehmer ausgingen, ist nicht überraschend, und es erklärt den temporären Aufmerksamkeitsschub für Jugendwettkämpfe. Diese waren im Radsport, etwa bei Rund um die Baumberge, oft Teil der Rennen, standen aber nicht im Mittelpunkt. Mit Kriegsbeginn änderte sich das. Allerdings spielte sich auch das in einem spezifischen, nationalsozialistischen Kontext ab, der durch die Hitlerjugend als Massenorganisation bestimmt war.

Die HJ, das zeigt André Postert in seiner hervorragenden Studie, hatte in den 1930er Jahren selbst einen grundlegenden Wandel durchlaufen: von einer Parteijugendorganisation der NSDAP (mit enger Bindung an die SA) hin zu einer staatlichen Organisation mit Zwangsmitgliedschaft. Ab 1935/36 wuchs der soziale Druck zum Eintritt, der auf Jugendlichen und ihren Familien lastete, erheblich. Mit der Einführung der Jugenddienstpflicht im März 1939 wurde das Prinzip der Freiwilligkeit der Mitgliedschaft (, das bis dato auch innerhalb der sich als Elite verstehenden HJ als Ideal hochgehalten wurde,) aufgehoben. Das wiederum begründete einen bereits länger bestehenden Monopolanspruch der HJ, der sich früh in der Welt des Sports und der Sportvereine gezeigt hatte.

Trotz des Werts, den die Nationalsozialisten auf „körperliche Ertüchtigung“ legten, gehörte fachkundig betriebener und angeleiteter Sport, wie André Postert herausarbeitet, zunächst nicht zum Alltag (in) der HJ. Erst nach 1933 und zunächst schleppend kam es zum Aufbau eines sportlichen Programms. Nach der Ausschaltung der Arbeitersportbewegung wurden bürgerliche Sportvereine für eine kurze Zeit „zum Anker für junge Menschen, die nicht in die Hitlerjugend übertreten wollten“. Seit 1935 wurde der vereinsmäßige Sport außerhalb der HJ jedoch systematisch unterbunden. In den regimeinternen Kompetenzstreitigkeiten hatte sich die HJ gegenüber dem „Reichssportführer“ durchgesetzt und Jugendsport zu ihrer Domäne gemacht. Die HJ wurde zum zentralen Akteur des Jugendsports, zumal inzwischen viele Vereine (auch ohne Druck) mit ihr zusammengegangen waren. Entsprechende Regelungen aus den ersten Monaten des Regimes sahen beispielsweise Doppelmitgliedschaften von Jugendlichen in HJ und Vereinen sowie eine bestimmte Arbeitsteilung vor, die André Postert in seiner Studie beschreibt. „Die Vereine sollten körperliche Ertüchtigung leisten, während die Hitlerjugend sich auf ihr Kerngebiet, nämlich die politische Schulung und politische Freizeitgestaltung zurückzog“ (S. 90). In der Praxis führte das für einige Zeit zu einem „Nebeneinander von Hitlerjugend-Dienst und Vereinsengagement“ (S. 91). Ab Mitte der 1930er Jahre drängte die HJ die Vereine allerdings zunehmend an den Rand und beanspruchte ein Sportmonopol. „Ab August 1938 wurde der Beitritt zu einem Verein an den Erwerb des HJ-Leistungsabzeichens gekoppelt; wer diese Prüfung bis zum 16. Lebensjahr nicht absolvierte, sollte nicht mehr am Vereinsleben teilnehmen dürfen“ (S. 94). Hinzu kam, dass, (beispielsweise im Fußball) Meisterschaften nicht mehr zwischen Vereinen, sondern zwischen HJ-Gebietsmannschaften ausgetragen wurden. „Sportliche Betätigung, auch professionell betrieben, wurde völlig unabhängig von der Partei für Jugendliche weitgehend unmöglich. Für die Wettkämpfe unter ihrem Dach setzte die Staatsjugend mit der Zeit Sollzahlen für Teilnehmer fest, die indes selten erfüllt und manchmal weit unterschritten wurden. Die Hitlerjugend besaß jedoch kein Sportmonopol im eigentlichen Sinne; denn vieles von dem, was sie ausrichtete, betrieben in Wahrheit Vereine oder wurde von ihnen vorbereitet. Vielmehr hatte die Hitlerjugend bis Ende des Jahrzehnts die Regie inne.“ (S. 94f.). Unter diesen Voraussetzungen, das kann André Postert auch zeigen, häufen sich in der HJ Klagen über „Karteileichen“, also über Jugendliche, die lediglich deshalb Mitglied waren, um weiterhin ihrem Verein angehören und Sport treiben zu können – den eigentlichen Dienst in der HJ jedoch wo immer möglich schwänzten.

Wenn also eine Lokalzeitung 1939 darüber jubelte, dass die „Bielefelder Hitlerjungen“ bei einem Rennen Rund um die Baumberge den „Vogel abschossen“, dann kann sich dahinter eine durchaus komplizierte Realität verbergen, waren die Hitlerjungen doch mit hoher Wahrscheinlichkeit (noch) in dieser oder jener Weise der immens reichhaltigen Vereins- und Renntradition des westfälischen Radsports verbunden.

 

Literatur

Postert, André: Die Hitlerjugend. Geschichte einer überforderten Massenorganisation, Göttingen 2021.

Vaupel, Dieter: Radsport im Nationalsozialismus. Ein fast vergessenes Kapitel der deutschen Sportgeschichte, Bielefeld 2023.