Yannick Rüskamp
Die Gesellschaft des Kaiserreiches war und ist für ihren Militarismus bekannt. Die Ereignisse um den sogenannten „Hauptmann von Köpenick“, Friedrich Wilhelm Voigt (1849 – 1922), führten bereits seinen Zeitgenossen den deutschen Militärkult vor Augen. Die gesellschaftliche Hochachtung des Militärs war im Wesentlichen die Folge einer Innovation im preußischen Heereswesen des 19. Jahrhunderts: Der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht. Verstärkt wurde die Reform durch die damit verbundene Vergrößerung des aktiv stehenden Heeres und den Prestigegewinn in Folge der militärischen Erfolge der Jahre 1864, 1866 und 1870/71, welche im letztgenannten Jahr die Gründung des deutschen Einheitsstaates ermöglichte.
Der deutschen Reichsverfassung von 1871 nach war jeder deutsche Mann im Alter zwischen 20 und 27 wehrpflichtig. Zwei bis drei Jahre hatten die Rekruten im Stehenden Heer zu dienen, danach wurden sie Reservist. Eine Ausnahme bildeten die Einjährig-Freiwilligen mit höherem Schulabschluss, die lediglich ein Jahr in einem Truppenteil ihrer Wahl ableisteten und danach (Unter-)Offizier der Reserve waren. Das Ende der Wehrpflicht bedeutete zu keiner Zeit das Ende der sogenannten Dienstpflicht. Diese galt in Friedenszeiten bis zum Ende des 40. Lebensjahres (in Kriegszeiten unterlagen alle Männer zwischen 17 und 45 Jahren der Wehrpflicht). Die militärische Ausbildung vereinte alle soziokulturellen Milieus. Unabhängig davon, wie man den eigenen Militärdienst erlebte – physische als auch psychische Übergriffe waren allgegenwärtig – entstand ein standesübergreifendes Bewusstsein, verknüpft mit kollektiven Erfahrungen des Kasernenalltags, einer speziellen Sprache und spezifischen Kenntnissen, die in die restliche Gesellschaft rückwirkten. Das zeigte sich unter anderem daran, dass auch außerhalb des Dienstes Uniform getragen wurde. Auch hielt eine Vielzahl von Reservistika, wie z. B. militärisch verzierte Tassen, Pfeifen, Teller oder diverses Wanddekor Einzug in den Privatraum. Ein Beispiel für eine solche Andenkenkultur sind Reservistenbilder.
Das Genre Reservistenbild entstand aus der allgemeinen Praxis der Herstellung und Verbreitung von Soldatenbildern. Dabei handelt es sich um Fotografien oder künstlerische Auftragsarbeiten, die Einzelpersonen oder Gruppen in Uniform abbildeten. Nach Ende der Befreiungskriege ab etwa 1820 wurden die meist kleinformatigen Bilder (Zeichnungen, kleine Gemälde, ab der Jahrhundertmitte auch Fotografien) immer populärer. In vielen Fällen entziehen sie sich einer eindeutigen Zweckzuweisung, doch dürften die meisten als Geschenk an Familie und Freunde während der eigenen aktiven Dienstzeit versandt worden sein.
Im Gegensatz dazu stehen die Reservistenbilder, die ab den 1860er-Jahren zunehmend industriell gefertigt und erst in einem zweiten Schritt durch die Einfügung des eigenen (fotografischen) Konterfeis individualisiert wurden. Die Reservisten kauften sie als Andenken zumeist am Ende der aktiven Dienstzeit, also mit dem Übergang in die Reserve. Daher rührt auch ihre Bezeichnung. Mit dem Übergang zur Massenproduktion nahm einerseits die künstlerische Qualität der Chromolithografien (farbige Steindrucke) ab, während andererseits die nationalistische Überhöhung der Bildelemente, vor allem an den Bildrändern, zunahm. Sie zeigen fiktive Armeemanöver in idealisierten Landschaften oder für das deutsche Nationalbewusstsein maßgeblich empfundene Denkmäler.