Individuelle Erinnerung von der Stange: Zwei Reservistenbilder mit Burg und ohne Mecklenburg

04.09.2026 Niklas Regenbrecht

Das Reservistenbild eines Mannes namens Hessling, ca. 38,5 x 61 cm. (Archiv für Alltagskultur, Sg3164)

Yannick Rüskamp

Die Gesellschaft des Kaiserreiches war und ist für ihren Militarismus bekannt. Die Ereignisse um den sogenannten „Hauptmann von Köpenick“, Friedrich Wilhelm Voigt (1849 – 1922), führten bereits seinen Zeitgenossen den deutschen Militärkult vor Augen. Die gesellschaftliche Hochachtung des Militärs war im Wesentlichen die Folge einer Innovation im preußischen Heereswesen des 19. Jahrhunderts: Der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht. Verstärkt wurde die Reform durch die damit verbundene Vergrößerung des aktiv stehenden Heeres und den Prestigegewinn in Folge der militärischen Erfolge der Jahre 1864, 1866 und 1870/71, welche im letztgenannten Jahr die Gründung des deutschen Einheitsstaates ermöglichte.

Der deutschen Reichsverfassung von 1871 nach war jeder deutsche Mann im Alter zwischen 20 und 27 wehrpflichtig. Zwei bis drei Jahre hatten die Rekruten im Stehenden Heer zu dienen, danach wurden sie Reservist. Eine Ausnahme bildeten die Einjährig-Freiwilligen mit höherem Schulabschluss, die lediglich ein Jahr in einem Truppenteil ihrer Wahl ableisteten und danach (Unter-)Offizier der Reserve waren. Das Ende der Wehrpflicht bedeutete zu keiner Zeit das Ende der sogenannten Dienstpflicht. Diese galt in Friedenszeiten bis zum Ende des 40. Lebensjahres (in Kriegszeiten unterlagen alle Männer zwischen 17 und 45 Jahren der Wehrpflicht). Die militärische Ausbildung vereinte alle soziokulturellen Milieus. Unabhängig davon, wie man den eigenen Militärdienst erlebte – physische als auch psychische Übergriffe waren allgegenwärtig – entstand ein standesübergreifendes Bewusstsein, verknüpft mit kollektiven Erfahrungen des Kasernenalltags, einer speziellen Sprache und spezifischen Kenntnissen, die in die restliche Gesellschaft rückwirkten.  Das zeigte sich unter anderem daran, dass auch außerhalb des Dienstes Uniform getragen wurde. Auch hielt eine Vielzahl von Reservistika, wie z. B. militärisch verzierte Tassen, Pfeifen, Teller oder diverses Wanddekor Einzug in den Privatraum. Ein Beispiel für eine solche Andenkenkultur sind Reservistenbilder.

Das Genre Reservistenbild entstand aus der allgemeinen Praxis der Herstellung und Verbreitung von Soldatenbildern. Dabei handelt es sich um Fotografien oder künstlerische Auftragsarbeiten, die Einzelpersonen oder Gruppen in Uniform abbildeten. Nach Ende der Befreiungskriege ab etwa 1820 wurden die meist kleinformatigen Bilder (Zeichnungen, kleine Gemälde, ab der Jahrhundertmitte auch Fotografien) immer populärer. In vielen Fällen entziehen sie sich einer eindeutigen Zweckzuweisung, doch dürften die meisten als Geschenk an Familie und Freunde während der eigenen aktiven Dienstzeit versandt worden sein.

Im Gegensatz dazu stehen die Reservistenbilder, die ab den 1860er-Jahren zunehmend industriell gefertigt und erst in einem zweiten Schritt durch die Einfügung des eigenen (fotografischen) Konterfeis individualisiert wurden. Die Reservisten kauften sie als Andenken zumeist am Ende der aktiven Dienstzeit, also mit dem Übergang in die Reserve. Daher rührt auch ihre Bezeichnung. Mit dem Übergang zur Massenproduktion nahm einerseits die künstlerische Qualität der Chromolithografien (farbige Steindrucke) ab, während andererseits die nationalistische Überhöhung der Bildelemente, vor allem an den Bildrändern, zunahm. Sie zeigen fiktive Armeemanöver in idealisierten Landschaften oder für das deutsche Nationalbewusstsein maßgeblich empfundene Denkmäler.

Das Reservistenbild von Gerhard Große Venhagen, ca. 39 x 28,5cm (Archiv für Alltagskultur, Sg3163)

Eine Burg, wie sie im Reservistenbild von Gerhard Große Venhagen zu sehen ist, war dabei ein beliebtes Element. Sie umgab das Mantra vergangener deutscher Wehrhaftigkeit und Größe, an die man nach 1871 anknüpfen wollte. Bei der Ansicht des Reservistenbildes fällt auf, dass die Uniform nachträglich eingefärbt und der Kopf von Große Venhagen aus einer Fotografie ausgeschnitten und auf das Haupt des Berittenen geklebt wurde. Das ist das Grundprinzip der Reservistenbilder: Die Bögen wurden blanko vertrieben und der Reservist fügte die Uniform seines Regiments sowie seinen aus einer Fotografie ausgeschnittenen Kopf hinzu. Große Venhagen lässt sich somit als Angehöriger des 2. Westfälischen Feldartillerie-Regiment Nr. 22 identifizieren, die einen dunkelblauen Waffenrock mit schwarzen Kragen, roten Vorstößen und Tombak-Knöpfen, sowie die Nummer 22 auf dem Schulterstück trugen. Die Zuweisung zur Artillerie wird durch den kugelförmigen Abschluss der Pickelhaube, statt der bekannten Spitze, bestärkt. Gedruckt wurde dieses Reservistenbild vom Verlag C. Riemer (Berlin) wenige Jahre nach der Reichsgründung, die durch Kronprinz Friedrich (1831 – 1888), Kaiser Wilhelm I. (1797 – 1888) und Prinz Friedrich Karl (1828 – 1885), einem Neffen des Vorgenannten, am oberen Bildrand personifiziert wird. Weitere Randelemente zeigen Waffen, Kanonen, Hauben, Säulen, Wappenschilder, Fahnen, Soldatenfiguren und zwei Engel. Wie in den meisten anderen Fällen auch erstrebt die Landschaft dieses Reservistenbildes keine geografische Nähe zum eigentlichen Garnisonsstandort des Besitzers, hier Münster. Sie wirkt vielmehr generisch. So sind denn auch viele Burgen auf Reservistenbildern eher vage einigen realen Vorbildern nachempfunden, wobei eine zweifelsfreie Identifikation wegen der mangelnden künstlerischen Qualität ohnehin oft nicht möglich ist.

Dreimal der Reservist Hessling vor einer Armeemanöver-Szene (Archiv für Alltagskultur, Sg3164)

Die Vorlage für zweite Reservistenbild  wurde von der Kunstanstalt Allemannia in Berlin, frühestens ab 1902, produziert. Dem handschriftlichen Vermerk am unteren Bildrand nach kündet es vom Wehrdienst eines Mannes namens Hessling. Dieser hatte 1904 beim 4. Magdeburgischen Infanterie-Regiment Nr. 67, welches seinerzeit im lothringischen Metz stationiert war, seinen aktiven Wehrdienst abgeleistet. 1906 ging er in die Reserve über. Was zunächst unüblich anmuten mag, ist die Regel: Der Reservist Hessling ist auf dem Bild gleich dreimal mit einem identischen Ausschnitt aus einem Fotoportrait vertreten. Das Vorhandensein von drei Figuren ermöglichte es prinzipiell, mehrere verschiedene Uniformen, Kopfbedeckungen und Waffen (oder sich zusätzlich auf einem Pferd) zu zeigen. Das vorliegende Reservistenbild ist klassisch. Es finden sich abseits des Alltagskulturarchivs andere Motive mit derselben Rahmung. Ins Auge stechen vor allem die vielen Wappen und Flaggen verschiedener deutscher Staaten. Über ihnen, gestützt auf zwei Bildstöcke mit Statuen der verstorbenen Kaiser Friedrich III. und Wilhelm I., wachen in einem Bogen die bekränzten Fürsten der sieben bedeutendsten deutschen Staaten über die Szene, mit Kaiser Wilhelm II. (1859 – 1941) als Mittelpunkt.

Der Großherzog von Oldenburg im mecklenburgisch verzierten Kranz. Dahinter: Die Flagge des Großherzogtums Oldenburg (Archiv für Alltagskultur, Sg3164)

Der sieben bedeutendsten? Wenn man die Fläche oder die Bevölkerungszahl als Maßgabe dafür anlegt, überrascht in dieser Reihe die Abwesenheit des Großherzogtums Mecklenburg, des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin genauer gesagt. Seit der sogenannten Dritten Mecklenburgischen Hauptlandesteilung (1701) gab es das besagte Schweriner Mecklenburg und das etwas kleinere (Groß-)Herzogtum Mecklenburg-Strelitz, welches von der jüngeren Linie des Hauses Mecklenburg geführt wurde. Beide führten zuletzt offiziell die Titulatur Großherzog von Mecklenburg. Möglicherweise wurde aus dem Bemühen heraus, keinen der beiden mecklenburgischen Teilstaaten und Monarchen über den anderen zu stellen, auf beide verzichtet. Stattdessen erfreut sich Großherzog Friedrich August von Oldenburg (1852 – 1931) der gedruckten Präsenz seiner kaiserlichen Majestät, auch wenn die seinen Kranz umschlingenden Girlanden im mecklenburgischen blau-gelb-rot nicht ganz zu ihm passen wollen.

Jedenfalls: Die Repräsentation der deutschen Monarchen abseits des deutschen Kaisers sollte die Identifikation der Nicht-Preußen, vor allem der Süddeutschen, mit dem Einheitsstaat fördern. Zugleich gibt diese Reihe Aufschluss über die verfassungsrechtliche Struktur des Kaiserreichs als föderaler Bundesstaat. Die Präsenz der Bundesstaaten auf den unzähligen Reservistenbildern dieses Typs machten diese umso massentauglicher und inklusiver.

Anhand der Anzahl an ausgebildeten Rekruten im Kaiserreich (zwischen 1880 und 1912 waren es 7,8 Millionen gewesen) lässt sich für die vorgefertigten Bögen eine millionenfache Auflage vermuten. Die später vielfach vorgebrachte Kritik der geringen Qualität und des Übermaßes an Pracht und Kitsch verkennt die Intention der Käufer. Der billige, generische und massenhaft produzierte Bildbogen gab Wehrpflichtigen, welche keine Mittel für eine Atelierfotografie oder gar für ein Gemälde hatten, die Möglichkeit, ihre Dienstzeit, ihre Pflichterfüllung und Treue zum Staat bildlich zu belegen und somit gesellschaftliche Teilhabe herzustellen. Das Reservistenbild steht also nicht nur für eine Militarisierung des Alltags und des Privatraums, sondern stellvertretend auch für die sozioökonomische, Schichten übergreifende, integrative Wirkung des Militärkults, welcher sich bis in die Sozialdemokratie hinein erstreckte.

Die personalisierte Form, welche (zumeist) Rückschlüsse auf Dienstzeit, Regiment und Garnisonsstandort zuließ, verwies nicht nur auf die Tatsache des Wehrdienstes, sondern konnte sich als Gemeinsamkeit erweisen, die Gespräche über spezifische Erfahrungen oder örtliche Begebenheiten des Regimentsstandorts unter ehemals aktiv Gedienten initiierte.

Den aufmerksamen Betrachter:innen der Bilder wird möglicherweise nicht entgangen sein, dass die Reproduktionen aus mehreren Fotografien zusammengefügt werden mussten, weil sie aufgrund ihrer Größe nicht auf eine Aufnahme zu bekommen waren. Das sehr große Originalformat erfüllte für die Abgebildeten seinen Zweck vollkommen: Jeder, der ihre Stube betrat, sollte es sehen.

 

Literatur:

Homann, Arne (2016): Burgendarstellungen auf Reservistenbildern, in: Burgenforschung. Europäisches Correspondenzblatt für interdisziplinäre Castellologie, Bd. 3: Die Burg als Bau und als Motiv, S. 43 – 66.

Ullrich, Volker (2006): Die nervöse Großmacht 1871 – 1918. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs, 6. Aufl. Frankfurt/Main: Fischer.