Ein Städtchen am Scheideweg: Der frühere Residenzort Tecklenburg und die preußische Akzise

13.02.2026 Niklas Regenbrecht

Kupferstich der Residenzstadt Tecklenburg, LAV NRW W, W 005/Msc. VII, Nr. 2105.

Sebastian Schröder

Schon im 17. Jahrhundert war in ganz Europa eine bestimmte Steuerform in Mode gekommen: die Akzise. Diese indirekte Abgabe, die als Umsatz- oder Verbrauchssteuer zu kennzeichnen ist, begeisterte die führenden Gelehrten; galt sie doch als Lösung der chronischen staatlichen Geldsorgen. Auch die preußischen Räte und der König waren überzeugt, dass die Akzise die landesherrlichen Kassen füllen könne. Deshalb führten sie diese Steuer in allen preußischen Städten ein – die Besteuerung der Landbevölkerung veränderte sich vordergründig nicht. Um die Städte zu fördern, bestimmte der Landesherr darüber hinaus, dass Handel und Gewerbe ausschließlich in Städten ausgeübt werden dürften; das Landhandwerk sollte demzufolge drastisch eingeschränkt werden.

In den 1720er-Jahren geriet ebenfalls das Bergstädtchen Tecklenburg in den Fokus des Preußenherrschers, der Tecklenburg erst wenige Jahre zuvor erworben hatte. Während es im nahegelegenen Lengerich um die Wirtschaft gut bestellt war, sah die Lage in Tecklenburg wenig rosig aus. Zweifelsohne hatte die Hofhaltung der einstigen Grafen von Tecklenburg in ihrer Residenz die Stadt geprägt, in der sich aufgrund ihrer topographischen Lage Handel und Gewerbe schwertaten. Allerdings war die Stadt Standort einer königlichen Leinenprüfanstalt, einer sogenannten Legge; das Tecklenburger Land war eine der westfälischen Hochburgen der Leinenverarbeitung. Lohnte sich angesichts dessen überhaupt die Einführung der Akzise? Oder wäre es möglicherweise besser, Tecklenburg die Stadtrechte abzuerkennen und stattdessen das wirtschaftlich florierende Lengerich zu stärken?

Dazu äußerte sich Thomas Ernst von Danckelmann, preußischer Beamter für die Grafschaften Lingen und Tecklenburg, knapp und ohne Umschweife im Oktober 1724: „So weit aber sind die Einwohner der Stadt Tecklenburg und deßen Situation mir bekandt, daß wegen dererselben Armseeligkeit, und da der Ohrt an keiner passage, sondern oben auf einem Berge lieget, ich dafür halten muß, gestalt die Kosten höher alß der Ertrag sich belauffen dörffte.“ Das war ein klares Nein gegen die Einführung der Akzise! Und der Kriegs- und Domänenrat Rudolf Culemann hatte beobachtet, dass sich Tecklenburgs Zustand innerhalb des letzten Jahres sogar noch verschlimmert habe. Ihn verwundere kaum, dass die Bürger wegzögen. Kriegs- und Domänenrat Jakob Christian Mackenow führte im Juni 1725 weitere Argumente an, die gegen die Erhebung der Akzise in Tecklenburg sprachen: Es handele sich um einen offenen Ort, da es an einer Befestigungsmauer fehle. Sollte die Akzise dort eingeführt werden, trügen die in der Stadt stationierten preußischen Beamten und Bediensteten ohnehin die größte Steuerlast, weil die Bürgerschaft verarmt sei. Der Mindener Kammerpräsident Friedrich Wilhelm von Borcke berichtete im Folgejahr: In der Stadt würden 482 Personen in 128 Häusern leben. Unter ihnen zählte der Beamte 17 königliche Bediente oder Anwälte, 63 Handwerker, Höker oder Brauer. Zudem erinnerte er an die Infanteriekompanie, die mit ihrem Kommandanten im Schloss stationiert war. Eine Leinenprüfanstalt sorge dafür, dass der Landmann die Stadt besuche und dort wohl auch Bier konsumiere – „welches gut gebrauet wird“. Letztendlich müsse zwar der König persönlich überlegen, ob in dem Ort die Akzise eingeführt werde, doch die präsentierten Zahlen waren eindeutig: Der Kammerpräsident war mehr als skeptisch hinsichtlich der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Bergstädtchens. Ähnlich notierte der Geheimrat und Kammerdirektor Carl Philipp Bonorden schon im Oktober 1724: „So halte […] davor, daß an diesen bluht armen Ohrte mit keinen Nutzen, wohl aber zum größesten Schaden die accise zu introduciren [sei]“ sei.

Die Beamten waren sich also einig: Überhaupt nichts sprach dafür, in Tecklenburg die Akzise zu erheben. Im März 1726 entschied der preußische König auf Basis der Gutachten seiner Räte, dass im Flecken Lengerich die Akzise eingeführt werden sollte. Gleichzeitig sollte der Ort städtische Rechte erlangen. Im Gegensatz dazu heißt es über die bestehende Residenzstadt Tecklenburg: „Wegen Tecklenburg bleibt die accise annoch ausgesetzt.“ Der für die Reform zuständige Steuerrat Moritz Balcke registrierte das königliche Dekret, hatte jedoch hinsichtlich der Entscheidung gegen Tecklenburg einige Bedenken. Denn eigentlich sahen die obrigkeitlichen Vorgaben vor, dass sowohl Handwerk als auch das Bierbrauen nur noch in „accis-bahren Städten“ getrieben werden dürfen. Es sei jedoch problematisch, alle Handwerker und Gewerbetreibende aus der Stadt Tecklenburg in das „neüe Städtgen“ Lengerich umzusiedeln.

Den Einwohnern selbst blieben die königlichen Pläne natürlich nicht unbekannt. Sie waren entsetzt! Sollte nur Lengerich städtische Privilegien erhalten, womit die Einführung der Akzise verbunden war, würde „dieses uhralte Städtgen gäntzlich ruiniret“, vermuteten die Tecklenburger. Denn dann müssten sie alle Waren und Konsumgüter aus Lengerich holen, beschwerten sich die tecklenburgischen Bürger beim preußischen Monarchen. Dieser Umstand führe dazu, dass sie „zugrunde gehen würden“. Die Tecklenburger präsentierten dem König eine recht plausible, zunächst aber erstaunlich anmutende Lösung für das Dilemma: Der Landesherr solle die Akzise ebenfalls in Tecklenburg einführen. Die städtischen Einwohner baten also selbst darum, die neue Steuer zahlen zu dürfen – damit sie ihre althergebrachten Rechte nicht verloren. Dieser Vorstoß fand breite Unterstützung innerhalb der Stadtgesellschaft.

Tatsächlich überdachte die Kriegs- und Domänenkammer in Minden daraufhin ihre Entscheidung. Sie empfahl dem König in einem Gutachten Anfang April 1726, dass den Tecklenburgern die Brau- und Branntweinniederlage sowie der freie Handel unter der Bedingung weiterhin gestattet werden sollte, dass sie die Akzise erlegen würden.

Am 20. April 1726 traf die frohe Kunde für die Bürgerschaft Tecklenburgs aus Berlin ein: König Friedrich Wilhelm I. erklärte, dass in seiner Residenzstadt künftig die Akzise eingeführt werden sollte. Die befürchteten Einschränkungen des Handels und Gewerbes konnten dadurch abgewendet werden. Die offizielle Erhebung der Steuer verzögerte sich jedoch noch ein weiteres Jahr, sodass die Akzise erst ab 1727 in den Städten der Grafschaft Tecklenburg galt – neben Lengerich auch weiterhin in Tecklenburg. Der Protest der Bürger war also erfolgreich gewesen. Sie hatten sich gegen die landesherrlichen Beschlüsse gestemmt. Es zeigt sich: Die  Untertanen waren nicht so devot, wie vielfach angenommen und nahmen nicht jede obrigkeitliche Verfügung gehorsam hin.

 

Quelle: Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, D 803/Tecklenburg-Lingen, Kammerbehörden: Kriegs- und Domänenkammer Minden, Verwaltung der Grafschaft Tecklenburg und Lingen, Nr. 65: Einführung der Accise zu Tecklenburg und Lengerich, Bd. 1, 1718–1725; Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, D 803/Tecklenburg-Lingen, Kammerbehörden: Kriegs- und Domänenkammer Minden, Verwaltung der Grafschaft Tecklenburg und Lingen, Nr. 66: Einführung der Accise zu Tecklenburg und Lengerich, Bd. 2, 1726–1727.

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